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Mythos Shaolin |
DIE WIEDERENTDECKUNG DES MYTHOS SHAOLIN EIGENTLICH müßten der Abt des Shaolin-Klosters, die Städte Dengfeng und Zhengzhou, die ganze Provinz Henan, die chinesischen Tourismusbehörden und viele andere, ja, eigentlich müßten diese alle einigen Film-Machern aus Hong Kong und China eine gute Rente zahlen: mit dem Film Shaolin Si (Der Shaolin-Tempel) lösten sie 1979/80 eine Lawine aus, die noch lange nicht zum Stillstand gekommen ist. WURDE BIS DAHIN der Kung-Fu-Eastern von Bruce Lee und seinen Nachfolgern dominiert, die effizient-harte Kampfszenen in den Vordergrund stellten, so zeigte Shaolin-Si die phantastische Vielfalt und atemberaubende Schnelligkeit der chinesischen Wushu-Stile, in der Hauptrolle dargestellt von einem jungen Mann aus Peking, der nicht nur ein hervorragender Wushu-Könner, sondern auch ein sehr guter Schauspieler war: Li Lianjie. Viele Jahre später startete er von Hollywood aus eine zweite Karriere, unter dem Namen Jet Li. DER FUNKE sprang auf das Publikum über. Zu Tausenden machten sich chinesische Jugendliche auf, um zum Shaolin-Kloster in Zentralchina zu pilgern. Dort wollten sie um Aufnahme in das Kloster bitten und Kung-Fu lernen. Vergebens meist, denn das Kloster lag, mit teilweise arg verfallenen Gebäuden, in einem Dornröschenschlaf und war auf diesen Ansturm in keiner Weise vorbereitet. Wushu (Kung Fu) war im China der Kulturrevolution von 1966-71 verboten, der Buddhismus in den ersten Jahrzehnten der kommunistischen Herrschaft verpönt, und nur eine Handvoll Mönche hielten unter ihrem greisen Abt Shi Dechan einen Klosterbetrieb aufrecht. IMMERHIN ließen sich viele der jungen Leute nicht so leicht entmutigen und wieder nach Hause schicken, und so entstanden rund um das Shaolin-Kloster eine Reihe von Kung-Fu-Schulen unterschiedlichster Güte und Ausrichtung, teilweise sogar von Leuten geleitet, die sich irgendeiner Beziehung zum Kloster rühmten. Für die wachsende Schar von Touristen (zunächst nur aus China) wurden die ersten Souvenirstände, Garküchen und in der nahen Kreisstadt sogar ein kleines Hotel gebaut. ÜBRIGENS lief jener Film Shaolin-Si in Deutschland nie im Kino. In der DDR wurde er jedoch für das Fernsehen synchronisiert und dort gezeigt (allerdings ohne die Szene, in der hungrige junge Mönchsanwärter einen Schäferhund verzehren...). ERSTE REISE NACH SHAOLIN
ÜBER HONG KONG und asiatische Länder verbreitete sich jedoch die Kunde vom nunmehr wieder zugänglichen Shaolin-Kloster bis in den Westen. Im November 1982 organisierte der Münchner Reinhard Sander die erste Reise europäischer Kampfkunst-Fachleute nach Shaolin; geleitet wurde sie von Martin Rüttenauer aus Konstanz. Eine aus heutiger Sicht historische, mühevolle, faszinierende Reise, die es so nie wieder geben kann; das Shaolin-Kloster hat in der Folgezeit seine Unschuld verloren.
IM JAHRE 1985 organisierten die beiden die erste Wushu-Tournee durch vier Länder Europas ( Deutschland, Niederlande, Belgien, Schweiz). Sie trug den Titel "Kung-Fu-Artisten aus China". Eine Hauptrolle spielte Wu Mei Ling aus Guangzhou, die "Königin des Süd-Shaolin". SHAOLIN HEUTE - WAS STECKT DAHINTER? IST DAS SHAOLIN-KLOSTER im Jahre 2002 eine Touristen-Kulisse oder ein Mekka der Kampfkunst? Um die Antwort vorwegzunehmen: beides trifft zu. Das Phänomen Shaolin ist vielfältig. FÜR VIELE Kampfkunst-Begeisterte ist das Shaolin-Kloster das Ziel ihrer Träume. Sie können von dort in der Tat unvergeßliche Eindrücke mitnehmen, wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, einen Trainer finden, mit dem sie sich verstehen (im doppelten Wortsinn) und womöglich jemanden haben, der sie mit den Gegebenheiten und Sitten vor Ort vertraut macht. DENNOCH machen sich die Begeisterten oft ganz falsche Vorstellungen von Shaolin! DAS KLOSTER ist in die Reiserouten ganz normaler Touristengruppen aufgenommen worden, die weder einen Kampfkunst-Hintergrund haben noch sich besonders für Kampfkunst interessieren. Das bedeutet, daß tagsüber ein gewisser Rummel herrscht. Und natürlich haben sich Souvenirhändler und andere Verkäufer aller Gattungen eingefunden, die den Rummel wiederum verstärken. Wo immer es geht, werden Eintrittsgelder verlangt, so daß der Eindruck einer Tourismus-Sehenswürdigkeit einen nicht verläßt. Und der Eindruck stimmt ja auch. SPANNEND ist es am frühen Morgen, so ab halb sechs Uhr. Hunderte, nein Tausende von Kung-Fu-Schülern joggen durch die noch halbdunkle Hauptstraße, machen sich warm, lockern sich, beginnen mit den ersten Übungen. Viele laufen die 1265 Stufen zur Bodhidarma-Höhle hinauf und wieder hinunter. Oder sie arbeiten sich auf allen Vieren hinunter, Kopf voran. DIE WENIGEN AUSLÄNDER, die in den Schulen von Shaolin trainieren, schlafen dann meist noch. Den harten, asketischen Trainingsrhythmus der chinesischen Shaolin-Schüler halten sie in den seltensten Fällen durch. Auch die durchdringende Kälte im Winter und die flirrende Hitze im Sommer machen vielen Ausländern zu schaffen. Um so erstaunlicher ist es, mit welcher unbeirrbaren Inbrunst schon die jüngsten einheimischen Kung-Fu-Jünger den ganzen Tag über trainieren. Nur eine gut bemessene Mittagspause wird ihnen gegönnt. DIE MÖNCHE DIE MÖNCHE im Kloster trainieren auch. Nur im Freien übrigens, denn sie besitzen keine eigene Trainingshalle. Wenn sie tagsüber trainieren wollen, haben sie wegen der Touristen im Kloster keinen Platz dazu und gehen in die Berge und Wälder hinter dem Kloster. Dort kann man sie nicht beobachten. Sie trainieren nicht vor Publikum und geben keine Vorführungen für Touristen. Vom touristischen Geschehen, das sich vorwiegend zwischen 9 und 16 Uhr abspielt, ziehen sie sich eher zurück. ES GIBT 70-80 Mönche im Kloster; außerdem wohnen auf dem Gelände einige Dutzend "zivile" Personen, z. B. Angestellte der staatlichen Verwaltung, Restaurateure, Religionsschüler von Mönchen. Die Mönche kochen und essen teils zusammen, teils aber auch alleine. Sie ernähren sich streng vegetarisch. Morgens und abends meditieren sie in der Haupthalle des Klosters. Die Wohnräume der Mönche sind spartanisch eingerichtet. Alles ist sehr einfach. NICHT ALLE Mönche befassen sich mit Kung Fu. Wer als junger Mönch aufgenommen wird und Kung-Fu lernt, hat zwei Lehrer, einen geistigen Meister und einen Kampfkunst-Meister. Die Mönche, die sich mit Kung Fu beschäftigen, werden bei uns manchmal mit dem martialischen Begriff "Kampfmönche" bezeichnet. FRAUEN gibt es im Shaolin-Kloster übrigens nicht, aber ganz in der Nähe steht ein ruhiges Nonnenkloster; für Besucher ist es nicht zugänglich. DAS KLOSTER finanziert sich heute aus Eintrittsgeldern und Spenden. Auch von der Shaolin-Tournee erhält es einen Teil. Früher kam der Staat vollständig für die Renovierungsarbeiten auf, er zieht sich aber nach und nach zurück, da das Kloster nun selbst über Mittel verfügt. EIN AUSLÄNDER hat gar keine Chance, Shaolin-Mönch zu werden. Wenn er überhaupt akzeptiert wird, dann als Schüler. Und das wird er auf immer bleiben. ES IST auch nicht möglich, im Kloster zu wohnen und zu trainieren. Ja, Sie haben richtig gelesen. In wenigen Einzelfällen konnten Ausländer bei einem Mönchs-Lehrer im Klosterareal trainieren, aber sie wohnten außerhalb in einem Hotel. Von einer Integration in den Tagesablauf der Mönche kann man nicht sprechen. Wenn also von diesem oder jenem behauptet wird, er habe im Shaolin-Kloster gelebt und trainiert, so ist damit nichts anderes gemeint, als daß er in einer der Schulen rund um das Shaolin-Kloster trainiert hat. Diese kleine, aber nicht unbedeutende Wahrheitsverdrehung beruht zum Teil wohl auf dem Geltungsbedürfnis der Betroffenen, zum andern ist sie aber auch auf unsere Medien zurückzuführen: unsere Privatfernsehanstalten finden es eben sensationeller, jemanden vorzustellen, der mit exotischen Mönchen zusammen gelebt und geübt hat, oder? NÜCHTERN BETRACHTET wäre es aber auch nicht besonders attraktiv, im Kloster zu wohnen. Die Lebensverhältnisse dort sind sehr, sehr einfach. Mancher Mitteleuropäer, der in eines der Hotels um Shaolin zog - und die sind vornehmer als das Kloster - , um sich für einige Monate rigiden, asketischen Trainings mit einem unerbittlichen Meister einzurichten, reiste nach einer Woche wieder ab. Zu groß war der Kulturschock, zu fremdartig schmeckte das Essen (nicht wie im China-Restaurant bei uns), zu radikal war das Klima, zuviel Geduld erforderte das Training, zu schwierig war die Verständigung, und, noch wichtiger, das Verstehen. DAS TRAINING ICH EMPFEHLE daher eher eine zunächst begrenzte Trainingszeit von rund einer Woche oder zehn Tagen, mit einem erfahrenen Begleiter, der die Widrigkeiten des Alltags von einem fernhält. Im Urlaub will man sich ja mit möglichst wenig Reibungsverlust auf die eigentlichen Ziele konzentrieren können, das heißt im Falle Shaolin zumeist Training. Wer dann sagt, "Hier komme ich gut alleine zurecht", der soll verlängern oder wiederkommen. NUR EINIGE der vielen umliegenden Schulen werden tatsächlich von Mönchen oder von ehemaligen Mönchen geleitet. Mehr oder weniger gut sind die Trainer wohl alle, entweder im Formen- oder im Freikampfbereich oder in beidem. Sie scheinen aber oft Schwierigkeiten damit zu haben, Ausländer nachhaltig auf präzise Ausführung der Techniken zu drängen. Nur so ist es zu erklären, daß man ab und an auf ausländische Shaolin-Schüler trifft, die zwar längere Zeit in einer Schule dort trainiert und viele Formen im Ablauf gelernt haben, aber in der genauen Ausführung sogar der Basistechniken schludern. AUF DEN TRAININGSREISEN der Wu-Shu-Akademie wohnten und trainierten wir lange Zeit in der Tagou-Schule. Nicht, weil sie die größte Kung-Fu-Schule der Welt ist, sondern weil sie unsere Anforderungen gut erfüllt hat. Diese Schule hat nicht nur eine ganz offizielle Anerkennung des Shaolin-Klosters und des Erziehungsministeriums der Provinz Henan, sie verfügt auch über viele junge und hochmotivierte Trainer, ebenso wie über erfahrene Meister. Die Verhältnisse ändern sich jedoch rasch in China, und daher entscheiden wir von Jahr zu Jahr, wo wir die für uns besten Bedingungen vorfinden und unser Training absolvieren. Wir sind regelmäßig seit Jahren in Shaolin und werden als alte Freunde empfangen und behandelt. Wir können in kleinen Gruppen trainieren. Das Übungsspektrum umfaßt Wushu-Basistraining und -Formentraining, Taichi-Formen, Qigong-Brokatübungen und Sanda-Freikampftraining.
ROSIGE ZUKUNFT? IM MÄRZ 2000 wandte sich ein hochrangiger Offizieller der staatlichen chinesischen Religionsverwaltung engagiert gegen die um sich greifende unerlaubte Vermarktung des Namens Shaolin. IN LAS VEGAS, sagte er, seien angebliche Shaolin-Mönche aufgetaucht, um mit Vorführungen Geld für die Renovierung ihres Klosters zu sammeln. In Australien sei eine Delegation von Shaolin-Mönchen angekündigt worden, die Vorführungen geben wolle. Beides sei unwahr, die Beteiligten seien in keiner Weise vom Shaolin-Kloster autorisiert. Ihren Lebenswandel, untern anderem den Verzehr von Alkohol und Fleisch, würden die angeblichen Mönche damit rechtfertigen, daß sie dazu eine Sondererlaubnis hätten. Dies alles, so der Offizielle, sei barer Unsinn. SHAOLIN sei ein renommiertes buddhistisches Kloster und zudem Ursprungsort des Shaolin-Kung-Fu. Das unberechtigte Führen des Titels "Shaolin" sei schlicht illegal. ER HAT sicher recht, der Offizielle. Sein (religiöser) Name lautet übrigens Shuaifeng. Seine Stellungnahme offenbart aber auch eines: daß mit dem Namen Shaolin in heutiger Zeit nicht nur Religiöses verbunden ist, sondern auch etwas anderes: viel Geld. DER JETZIGE ABT des Klosters, Shi Yongxin, ist ein weltoffener Mann, dessen Denken längst die engen Grenzen des Klosterbezirks übersprungen hat. Er ist auch Vorsitzender der buddhistischen Vereinigung der Provinz Henan und Abgeordneter des chinesischen Nationalen Volkskongresses. Und er hat Interesse, Kritik, ja sogar Haß auf sich gezogen. ES BESTÜNDEN PLÄNE, so wird gemunkelt, für das Shaolin-Kloster die Anerkennung als Weltkulturerbe bei der UNESCO zu beantragen. Dazu wurde im Sommer 2000 eine große Anzahl von Gebäuden in der weiteren Umgebung des Klosters mit dicken roten Schriftzeichen markiert und abgerissen. Einige Kung-Fu-Schulen wurden geschlossen, diverse Verkäufer und Garküchen verbannt und das jetzt von Kleinbauern bestellte Land in Klosternähe, so gehen Gerüchte, soll dem zu entstehenden Komplex einzuverleibt werden. GÄRT ES AM SHAOLIN-KLOSTER? NICHT, daß es um die zum Teil wirklich häßlichen Gebäude besonders schade wäre. Fraglich ist jedoch, ob die Leute, die zum Teil seit Jahrzehnten ihren Lebensunterhalt rund ums Shaolin-Kloster verdienen, dies woanders auch können. Und fraglich ist, ob sie irgendwie entschädigt oder unterstützt werden, wenn sie wieder ganz von vorne anfangen müssen OB die Vision, das heutige "bewährte Chaos" rund um Shaolin womöglich mit Autobahn, Luxushotel und Großparkplatz zu tauschen, Ihnen Spaß macht, daß müssen Sie, geneigter Leser, selbst entscheiden. Vielleicht wird ja auch alles viel besser. IM MOMENT sieht es jedoch zwiespältig aus. Die Gerüchteküche dampft. Von Machtkämpfen ist die Rede, von grenzenloser Geldgier, von einer Bombe im Pagodenwald, von der Verhaftung eines Mönchs, der aufzubegehren wagte, von einem Selbstmordversuch aus Protest. Man hört von unmoralischem Lebenswandel, von einer Abkehr von den Prinzipien des Buddhismus und gar von einer Verkörperung des Bösen schlechthin durch den Klosterleiter. KLAR IST, daß viele Leute vor Ort wegen der Bedrohung ihrer Lebensgrundlage verbittert sind. Ob die Gerüchte wahr sind oder heiße Luft, wird vielleicht die Zukunft erweisen. Es mag auch sein, daß das Shaolin-Kloster derzeit eine dunkle Phase durchlebt, die in seiner langen und wechselhaften Geschichte später lediglich als kleine Episode dastehen wird. REISEN UND TRAINIEREN - IMMER NOCH EIN UNVERGESSLICHES ERLEBNIS DER AUSWÄRTIGE Besucher wird von all dem nichts mitbekommen. "Wir sehen, was wir wissen", soll jedoch Goethe gesagt haben. Da ist sicher etwas dran, und so mag ein wenig Hintergrundwissen vor Ort nicht schaden. Aber wir haben auch die Chance, unser Wissen durch Sehen zu erweitern. NOCH ist eine Reise zum Shaolin-Kloster, zumal eine gut organisierte und geleitete Trainingsreise, ein exotisches und großartiges Erlebnis, das einem persönlich viel geben kann und das unvergeßlich bleiben wird. DIE STIMMUNG im Kloster, wenn am späten Nachmittag die Touristen wieder abgefahren sind, der unermüdliche Übungssfleiß der jungen Kung-Fu-Schüler, ihre kargen Lebens- und Trainingsbedingungen, das kann man nur hier erleben. RUHE und Friedlichkeit einerseits und kämpferische Energie auf der anderen Seite haben sich in den letzten 1500 Jahren in diesem buddhistischen Kloster auf einmalige Weise gegenseitig beeinflußt und gestärkt. Senden Sie uns Ihre Meinung zu diesem Artikel!
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