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Mit den Kampfkünsten aufgewachsen
Wer sich mit Wushu (im weiteres Sinne des Begriffes, d.h. auch Taichi und Qigong umfassend) in Südchina im 20. Jhd. befaßt, kommt an einem Mann nicht vorbei: dem Arzt und Wushu-Experten Wu Runjin. Zusammen mit Wu Meiling und dem genialen Huang Daxiong war er bestimmend für das hohe Niveau der Wushu-Künstler aus Guangzhou, der Stadt am Perlfluß. Als Sohn des Wushu-Großmeisters Wu Shaoquan, ebenfalls Arzt für chinesische Medizin, wuchs er von Kindesbeinen an mit den chinesischen Kampfkünsten auf. Zunächst lernte er einfach durch Zuschauen, wenn seine Eltern - auch die Mutter von Wu Runjin, Xiao Yanzhen, ist eine großartige Wushu-Lehrerin - ihre Schüler unterrichteten. Damals begann der Unerricht nicht mit Formen, sondern mit „Jibengong“, Grundstellungen und Grundtechniken. Eines Tages gab Wu Runjins Vater ihm eine Grundregel auf: jeden Morgen mit dem Großvater die Stufen zum Yuexiu-Park hinauf- und herunterlaufen, als Kraft- und Konditionstraining, und jeden Abend mit dem Vater selbst Löwentanz zu üben, wozu natürlich auch das Schlagen der großen Trommel und anderer Schlaginstrumente gehörte. Der Großvater, ein Experte im Süd-Shaolin-Kungfu, ließ es sich nicht nehmen, Runjin tagsüber noch zu unterrichten. Mit sechs Jahren beherrschte Wu Runjin bereits die Grundtechniken und zwei Formen. Er begann, an Vorführungen teilzunehmen. Zwei Formen, das mag aus unserer heutigen westlichen Sicht nicht viel scheinen, es ist jedoch zu bedenken, daß damals jede Technik, jede Stellung 100%ig sitzen mußte, bevor einem Schüler erlaubt wurde, Neues zu trainieren. |
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Wu Runjin, sein Frau Zhu Lichan und sein Sohn
Wu Shangfeng im Sommer 2006 Foto: Archiv W.R. |
Im Vergleich zum heutigen Wushu der Volksrepublik China war das Wushu der fünfziger Jahre vielleicht nicht ganz so schnell, dafür aber umso kräftiger und kampforientierter. Man lernte bei den Meistern wie Wu Shaoquan, die ganz in den alten Traditionen des Kungfu aufgewachsen waren, die Techniken über lange Zeit sehr langsam auszuüben, dafür aber mit äußerster Präzision. Die Tendenz, Techniken aus der Sportakrobatik und aus der Akrobatik in das Wushu miteinzubeziehen, bestand damals noch nicht. Heute mehren sich ja auch in China die kritischen Stimmen, die fordern, allzu akrobatische Techniken, die kaum je eine praktische Anwendung als Kampftechniken erfahren dürften, wieder zurückzudrängen und den Kampfkunst-Aspekt des Wushu nicht aus den Augen zu verlieren. Wie berechtigt diese Forderung ist, zeigt das enorme Interesse an traditionellen Wushu-Turnieren.
Auch die Regeln einer Wushu-Schule waren damals in China noch ganz traditionell. Wer von einem Meister unterrichtet werden wollte, von dem wurde beispielsweise erwartet, daß er gelegentlich Geschenke brachte und auf jeden Fall seinen Respekt gegenüber dem Meister unter Beweis stellte. Sollte eine Wushu-Vorführung durchgeführt werden, so wurden seinerzeit in China nicht etwa staatlich organisierte Wushu-Gruppen zu einer Vorführung abgeordnet, sondern Versnatalter luden selbst private Wushu-Schulen für Vorstellungen in Parks, Theatern usw. ein. Die Schule der Wu-Familie war die berühmteste in Kanton (Guangzhou) und hatte darum einen stets ausgebuchten Terminplan. Das lag nicht zuletzt an ihrem riesigen Repertoire und an ihrer großen Schülerzahl.
Mit sieben Jahren beteiligte sich Wu Runjin zum ersten Mal an den Wushu-Meisterschaften der Stadt Kanton. Dafür brachte ihm sein Vater vier Formen bei - Faust, Speer, Stock und Säbel. Das Resultat: drei erste Plätze, ein zweiter Platz. Bis zum Ausbruch der sogenannten Kulturrevolution fünf Jahre später nahm er regelmäßig an den großen jährlichen Wushu-Meisterschaften teil und belegte ausschließlich erste Plätze. Mit zehn Jahren war Wu Runjin schon in ganz Kanton bekannt; bei Vorführungen brauchte er nur die Bühne zu betreten, und schon toste Beifall auf.
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Wu Runjin, Wushu mit dem Speer
Foto: Archiv W.R. |
Im Jahre 1965, mit dem Ausbruch der „Kulturrevolution“, brach das große Chaos über China herein. Alle Wushu-Schulen wurden geschlossen. Die offizielle Begründung dafür war, daß alles Alte, und dazu gehörte auch das traditionelle Kungfu, radikal ausgemerzt werden müsse. Es braucht wohl nicht mehr daran erinnert zu werden, welche unschätzbaren Kulturrelikte mit dieser Begründung von nomadisierenden Horden kurz und klein geschlagen wurden. Man konnte nur noch heimlich trainieren, und zwar unter schwierigsten Bedingungen: abends wurden die Vorhänge zugezogen, das Licht wurde gelöscht und im kleinen Kreis der Familie und der besten Freunde wurde trainiert. Das kulturelle Erbe der chinesischen Kampfkünste wurde somit auch in schwieriger Zeit von einigen wenigen bewahrt.
1971 wandte sich dann das Blatt wieder. Leute an verantwortlicher Stelle hatten wohl die Bedeutung des Wushu als kulturelles Erbe Chinas erkannt. Sie beschloßen, Wushu-Truppen für Vorführungen aufzubauen. Dem Einfluß der damals noch voll im Gang befindlichen „Kulturrevolution“ konnten sie sich aber nicht entziehen. Sie mochten nicht zugestehen, daß Kungfu eine Kampfkunst ist und versuchten durch die Einbeziehung von tänzerischen und akrobatischen Elementen aus Wushu eine andere Art Peking-Oper zu machen. Die ideologische Rechtfertigung dafür war, daß in der neuen Gesellschaft ja niemand mehr kämpfen müsse, da alles zum Wohle aller geregelt sei. Auch wenn man, was ja durchaus sinnvoll ist, heutzutage Wushu zur körperlichen und geistigen Gesunderhaltung und nicht zum Kämpfen trainiert, darf man doch seine Wurzeln nicht vergessen, die in der Medizin, in der Kampfkunst und im Buddhismus liegen. Jene Zeit der „Kulturrevolution“ ist wohl allen Chinesen, die sie erlebt haben, in schrecklicher Erinnerung.
Auch in Guangzhou wurde damals Wushu wieder gefördert. Da die Mitglieder der Schule der Wu-Familie die einzigen waren, die heimlich trainiert hatten, bestand die gesamte Wushu-Gruppe von Kanton anfangs aus Meistern und Schülern dieser Schule. Sie bildeten, nun unter dem Namen einer staatlichen Einheit, bald wieder eine berühmte Wushu-Gruppe, deren Vorstellungen alle ausverkauft waren. Die Vorstellungen bestanden aus rund dreißig Vorführungen, von denen Wu Runjin alleine sieben bestritt. Mit zur Gruppe gehörten so profilierte Experten wie Wu Meiling, Wu Rungen, Wu Runman, Xiao Yanzhen (die Mutter von Wu Runjin, die z.B. die Musik für den Löwentanz machte), Huang Daxiong und viele andere, alle aber ausschließlich Schüler der Wu-Familie.
Im Jahre 1971 wurde es auch wieder möglich, draußen, öffentlich zu trainieren. Dadurch konnten speziell die Nord-Shaolin-Stile ausgebaut werden, die sich mit ihren raumgreifenden Techniken ja kaum für das Training in kleinen Wohnungen eignen. Vorher wurden in der Wu-Familie mehrere Süd-Shaolin-Stile intensiv trainiert, insbesondere Hung Kuen (Hung Gar), Choi Li Fat, Wing Chun, Pak Mei (Weißer-Augenbrauen-Stil), Pai Ho Kuen (Weißer-Kranich-Stil).
In den siebziger Jahren erreichte das Niveau von Wu Runjin derartige Höhen, daß er von Schülern geradezu überlaufen wurde, die ihn als Lehrer haben wollten. Doch 1975 kam für das chinesische Volk eine zweite schwere Prüfung: die große, sinnlose „Verschickung aufs Land“, die in dem riesigen, teilweise schwer zugänglichen China so viele Familien zerriß und auf allen Gebieten so viele Talente zerstörte. Auch Wu Runjin wurde aufs Land geschickt, wo er als Arzt arbeitete. Er konnte jedoch eine Wushu-Gruppe gründen, die auf Vorführungen ungewöhnlich erfolgreich war. Während seiner vier Jahre auf dem Lande wurde er immer wieder eingeladen, als Trainer zu unterrichten und als Schiedsrichter zu wirken. Huang Daxiong, damals Trainer der Sportschule Kanton, holte ihn auch regelmäßig zu Vorführungen in seine Heimatstadt Kanton. Mit Huang Daxiong zusammen gründete Wu Runjin nach seiner Rückkehr in Kanton auch wieder eine private Schule, die erste dort, nachdem sich diese Möglichkeit aufgrund der geänderten Politik ergab. Bald hatten sie über tausend (!) Schüler und gerieten in Platz- und Zeitprobleme. Zudem wurde Wu Runjin durch seine hauptberuflche Tätigkeit als Arzt so sehr in Anspruch genommen, daß er den Unterricht bald drastisch einschränken und sich auf einige ausgewählte, besonders begabte Schüler, konzentrieren mußte.
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Wu Runjin, Qigong
Foto: Archiv W.R. |
Als Arzt hatte sich Wu Runjin besonders einen Namen als Spezialist für Sportverletzungen und Knochenkrankheiten gemacht. Mitte der 80er war in den Zeitungen von Kanton zu lesen, daß das Sportkommittee von Peking einen Fußballstar nach Kanton zu Wu Runjin schickte, mit einer Verletzung, der in Peking niemand beikommen konnte. Geheilt fuhr der Glückliche wieder nach Norden in die Hauptstadt zurück.
Von den vielen Fähigkeiten des Meisters Wu Runjin, oder, wie er mit seinem kantonesischen Namen heißt, Ng Yuen Gam, sei hier nur noch eine herausgestellt. Es gibt in China noch ganz alte, faszinierende Stilarten des „Schattenboxens“, des Taichi Chuan, die im Westen kaum bekannt sind. Einer dieser Stile ist Zhaobao-Taichi-Chuan. Es kommt aus dem nördlichen Zentralchina und hat sich bis heute weitgehend im Verborgenen gehalten. Seine äußeren Formen sind eher unscheinbar, seine Wirkung als Kampfkunst ist jedoch unerhört. Zu den wenigen, die Zhaobao-Taichi-Chuan beherrschten, gehörte Wu Runjin. Er hat es auch als erster in Europa unterrichtet.
Den großen Meister Wu Runjin hat eines auszeichnet: eine große Bescheidenheit. Gerade darum brachte dem Meister, der ein riesiges Wushu-Spektrum beherrschte, wohl jeder, der ihn kannte, vorbehaltlosen Respekt entgegen.
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Wu Runjin bei der Arbeit in Guangzhou, gegen 1983
Foto: Archiv W.R. |
Bei meiner ersten Begegnung mit Wu Runjin, gegen 1983, saß er im Arztkittel in seinem Ordinationszimmer in Guangzhou. Unvergeßlich sind mir die ersten Trainingsreisen der Wushu-Akademie nach China Ende der 80er Jahre. Auf dem harten Pflasterboden des Guangzhouer Märtyrerparks und im tiefen, weichen Sand am Strand der Insel Hainan lernten wir damals bei ihm Nord-Stock, Süd-Säbel und Süd-Faust.
Im Jahre 1989 kam Wu Runjin nach Deutschland, um seine Schwester Meiling beim Unterricht zu unterstützen. Mehrere Jahre unterrichtete er an der Wushu Akademie, bis er schließlich 1995 mit dem Qigong-Zentrum sein eigenes Institut eröffnete, um seine Kenntnisse gezielt in Ausbildungskursen weiterzugeben. Seine Frau Zhu Lichan und sein Sohn Wu Shangfeng, beide ausgebildete Trainer, unterstützten ihn dabei.
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Wu Runjin 2005 in Guangzhou mit seiner Schwester Wu Mei Ling, seiner Mutter Xiao Yanzhen, seinem Bruder Wu Runman (l.) und seinem Bruder Wu Rungen (r.)
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Den Sommer 2006 konnte Wu Runjin noch mit seiner Familie und seinen Freunden in seiner Heimatstadt Guangzhou genießen. Voller Lebensfreude trank er seinen Lieblingstee, gut gereiften Pu-Er, und spielte Badminton. Im Herbst wurde klar, daß ihn eine unheilbare Krankheit eingeholt hatte. Alle ärztliche Kunst war vergebens. Er starb im Januar 2007 in seiner Wahlheimat Konstanz, kurz vor seinem 54. Geburtstag.
Martin Rüttenauer, im Januar 2007
LINK
Thomas Jonasson hat einen auch sehr persönlich gehaltenen, mit Anekdoten gewürzten Bericht über seine Arbeit mit Wu Runjin in Deutschland verfaßt.
Zum Bericht von Thomas >>
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Februar 2009
NACHTRAG
In seiner Heimatstadt Guangzhou, in der er seine Wurzeln hatte, aufwuchs und ausgebildet wurde, ist im Guangxiao-Tempel eine Gedenktafel für Meister Wu Runjin angebracht worden. Das ist ein Ort, an dem man keine Fotos macht, und das respektieren wir hier auch.
Seine letzte Ruhestätte hat er in seiner zweiten Heimat gefunden, in der er seine Kenntnisse an uns weitergab. Hoch über dem Bodensee, im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet, am Fuße einer starken Eiche im Ermatinger Friedwald. R.I.P.
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Bodenseelandschaft
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