Sobald man aber über die Weiterentwicklung in traditionellen Kampfkünsten spricht, fragt sich bestimmt jemand: Darf man das?

Betrachtet man enger den Begriff der Tradition, dann scheint es unlogisch, im gleichen Satz über Weiterentwicklung zu sprechen. Denn Tradition bedeutet ja genau, dass eine Sache aus früheren Generationen überliefert wurde, meistens in nahezu unverändertem Zustand. Um nicht unnötige Umwege zur Begriffserklärung führen zu müssen, versuchen wir den Begriff natürlich auf unser Gebiet einzuschränken. Nämlich die chinesische Kampfkunst und, im erweiterten Sinne, alle Kampfkünste.

Wie ihr wisst, wird der Begriff der Tradition häufig in Schulen benutzt. Zu oft allerdings mit wenig Bedacht und leider zu selten aus den richtigen Gründen. In der Regel spricht man in der chinesischen Kampfkunst über traditionelle Stile, sobald man diese Stile mit Geschichte, Kultur, namhaften Meistern und sogenannten Familienstilen verbindet.

Kampfkunstschulen, die diese Tradition pflegen und fortführen sind normalerweise einfach zu erkennen: sie haben schwarz-weiße Bilder der Meister und Großmeister an der Wand hängen, üblicherweise noch einen Schrein dafür aufgebaut und irgendwo steht noch der Schutzpatron Guangong.

Nun gibt es viele Schulen, die sich mit ihrer Traditionen rühmen, die aber in ganz unterschiedlicher Weise die Traditionen fortführen.

Unsere Schule

Unsere Schule wurde erstmals von meinem Großvater Wu Shaoquan in Guangzhou gegründet, in der Wing Faat Gasse (永發新街). Dort wurde die erste Kampfkunst Schule der Familie Wu eröffnet. Sie hieß auf kantonesisch Ng Si Mou Gun (吳氏武館) bzw. auf mandarin-chinesisch Wu Shi Wu Guan. Diese Schule ist dann mit meiner Mutter Wu Meiling nach Deutschland umgezogen und ist bereits seit über drei Jahrzehnten am schönen Bodensee. Nun wird diese Schule von mir gemeinsam mit Christina fortgeführt. Wir sprechen, in unserem Fall, also von drei Generationen.

Würde ich nun den Begriff der Tradition sehr eng sehen, müsste ich wohl die Formen von meinem Großvater nahezu unverändert meinen Schülern weitergeben. Dafür bedarf es aber eines Trainingsprogramms, welches dem zu Zeiten meines Großvaters entspricht und gerecht wird. Wir sind heute aber bereits im Jahr 2019 angekommen und die Zeiten haben sich gehörig verändert. Wir leben in einem anderen Umfeld, haben eine andere Lebensführung und praktizieren (teilweise) aus anderen Gründen Kampfkunst. Denn wenn ich das Trainingsprogramm von Großvater unverändert anwenden würde, hätte ich heute wahrscheinlich nur drei Schüler. Wenn überhaupt.

Wir haben also bspw. das Trainingsprogramm an das jetzige Umfeld und die heutige Zeit angepasst. Hier könnte also schon ein Bruch der Tradition sein. Zum Beispiel hat meine Mutter Mitte der achtziger Jahre, nach ihrem Umzug nach Deutschland, die Yap Mun Kuen als neue Einstiegsform für Schüler entwickelt und ich habe letztes Jahr eine neue Hung Kuen Parterform der Familie Wu entwickelt. Beide Formen gab es zu Zeiten meines Großvaters nicht. Dürfen wir das?

Traditionelle Formen

Was es braucht um Formen mit der nötigen Substanz zu entwickeln, habe ich auch im Beitrag über die neuen Pflichtformen der EWuF geschrieben. Diese beiden Formen sind also neu entwickelt worden, aber auf Basis von viel Hintergrundwissen und Verständnis für die Grundzüge des Hung Kuen Stils. Jemand, der den Begriff der Tradition zu engstirnig sieht, mag denken, wir sind der Tradition nicht treu geblieben. So jemand wäre wahrscheinlich auch der Auffassung, mein Großvater hätte von seinem Meister Lam Sai Wing alles unverändert übernommen und gleichermaßen Lam Sai Wing von seinem Meister Wong Fei Hung.

Wir stellen aber fest, dass jeder dieser drei Meister und Großmeister zu seiner Zeit Anpassungen und Veränderungen vorgenommen hat. Denn jeder dieser Meister hat einen anderen Körperbau, andere Stärken und Schwächen, ein anderes Umfeld, und sieht einen anderen Nutzen der Kampfkunst. Es ist also eigentlich unmöglich, einen Stil unverändert zu lassen. Wer behauptet, „wir machen diese Form wie damals zu Zeiten meines Urgrossmeisters“, sollte sich eine bessere Erklärung suchen um nicht total unmotiviert und ziellos zu wirken.

Tradition vs. Weiterentwicklung

Sich zu sehr auf die Tradition zu beschränken ist ebenso gefährlich wie sie auf die leichte Schulter zu nehmen. Auf der einen Seite haben wir die Nostalgiker die jede Veränderung scheuen wie Vampire das Sonnenlicht, auf der anderen Seite haben wir meistens irgendwelche Europäer oder Amerikaner, die ständig etwas Neues für die Kampfkunst entwickeln, ohne einen Hauch Ahnung zu haben. Dann entstehen sinnfreie Neuentwicklungen oder es werden wahllos Stile kombiniert, die aber in ihren Grundzügen nicht unterschiedlicher sein könnten.

Zu viel Tradition verhindert die sinnvolle und bedachte Weiterentwicklung, zu wenig Tradition öffnet die Tore für viel sinnloses Zeug.

Wir, die Wushu Taichi Akademie, bewegen uns also auf einem schmalen Grat, aber haben die nötige Balance dafür. Um nun die Frage im Titel zu beantworten: ja, wir dürfen das. Und wir werden das weiterhin tun, denn Kampfkunst wurde immer weiterentwickelt und sollte auch nie in einem Stadium stehen bleiben.

NICHTS NEUES

Beispielsweise hat Wong Fei Hung zu seiner Zeit das Lehrprogramm für Hung Kuen stark umgekrempelt und neu aufgesetzt. Sein Schüler Lam Sai Wing und dessen Nachfahren haben jeweils ihr Hung Kuen-Curriculum wieder durch weitere Formen erweitert. Mein Großvater hat dann gemeinsam mit Lau Zaam (劉湛) und weiteren Sihings bereits die Unterscheidung zwischen „altem“ und „neuem“ Hung Kuen definiert und die Kampfkunst an die Zeit der Kulturrevolution angepasst. Meine Mutter hat auf Basis ihrer langjährigen Erfahrung in traditionellem Kungfu und modernerem Wushu wieder neue Einflüsse in den Familienstil gebracht. Und ich? Ich suche nach den Wurzeln, um sie vor dem Vergessen zu bewahren, um diese Kenntnisse in einen modernen Kontext zu übersetzen.

Die Tradition soll lediglich aufzeigen, dass es bei Kampfkunst nicht um sinnloses Kämpfen geht. Die Kampfkunst ist nämlich ein Kulturträger, durch den wichtige Werte, Haltung, Charakter und Geschichte vermittelt werden. Diese Dinge muss man lernen. Wenn man nun aus dem gesammelten Wissen von mehreren Generationen von Meistern lernen kann, sollte man diese Möglichkeit wertschätzen und mit der angemessenen Portion Respekt an die nächste Generation weitergeben.

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