Wenn man über die chinesische Kampfkunst spricht dann kommen Leute schnell mit begriffen wie Qi, Meridianen, dem Dao und Last but not least dem Yin und Yang in Kontakt. Und ja, es heißt nicht Ying und Yang.

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Interessanterweise haben diese Begriffe seit den 70ern und 80ern ihre Mystik und (entschuldigt den Witz) Energie nicht verloren.

Die Begriffe haben damals wie heute immer noch eine bestimmte Anziehung, insbesondere für Westler (nicht böse gemeint).

Egal ob ich durch eine Kampfkunst Zeitschrift aus 1985 durchblättere oder ob ich heute mit einem Laien über die Kampfkunst spreche, die Fragen bleiben die gleichen oder werden nur anders formuliert.

Die oben genannten Begriffe werden allzu schnell in den Raum geworfen und auf Flyer geklatscht, um mit deren mystischen Ausstrahlung ein Interesse zu wecken. Hier wird aber ein sehr interessanter „Hebel“ ausgenutzt: man sucht gezielt die Mystik in diesen Begriffen.

Wir stoßen bei der Benutzung dieser Begriffe auf ein wesentliches Problem. Nämlich dem riesigen, fast unendlichem Interpretationsspielraum der Begriffe. Die Antwort auf alle fragen des Universums ist nicht 42, sondern Qi. Und, „In case of emergency: just yin and yang.“

Diese Begriffe sind fast zu einer Ausrede geworden, an die man glauben muss. Wenn es eine Frage gibt, welche man nicht beantworten kann, dann ist es im Zweifel das Qi. Und das wird leider zu oft einfach so angenommen.

Nur heiße Luft

Beim Qi (chin. Luft) spezifisch spielt es allein eine Rolle in welchem Kontext er benutzt wird. Qi gibt es nicht nur in der Kampfkunst, sondern auch in der Medizin und z. B. in der chinesische Kalligrafie. Kalligrafie ist aber eigentlich nur „ein bisschen Tusche“ auf Papier. Ist hier die Rede vom gleichen Qi wie in der Medizin? Nein natürlich nicht. Und dennoch spricht man bei berühmten Malereien und Gedichten von einzigartiger Pinselführung mit viel Qi. Dabei steht Qi einzig und allein für „Ausdrucksstark“, wie auch in der Kampfkunst. Stellt euch eine Kunstgalerie vor, in der bestimmte Werke hochgelobt werden. Grund dafür ist „das bestimmte etwas“, weil es die richtige Komposition oder (a)Symmetrie hat. Das alles könnte unter Qi verstanden werden. Soweit so gut, denn in der Kampfkunst könnte der Begriff auf ähnliche Weise eingesetzt werden. Formen können nämlich, wie Kunstwerke, das gewisse Etwas haben oder eben nicht.

Aber nun wird dem Begriff noch eine ganz anderen Note zugesprochen. Die Kraft der Heilung und Energie wie, z. B. in der traditionellen chinesischen Medizin, kurz TCM. 

So, und nun ist es Zeit wieder ein Fass aufzumachen. Allein der Begriff des Qi ist tief in der chin. Kultur verankert und ich liebe die Vielfalt des Begriffs. Dennoch könnte ich Tische umwerfen, sobald ich von jemandem höre:“nutze das Qi“. Nein, Yoda!

Es geht mir nicht darum, dass ich partout gegen den Begriff Qi bin. Denn, wie gesagt, liebe ich den vielfältigen Einsatz davon. Ich habe es nur satt, dass der Begriff zu schnell mit einer mystischen Bedeutung aufgeladen wird, weil ein Marketing-Genie die Leichtgläubigkeit bestimmter Menschen ausnutzt. Nun könnte jemand meinen, „das ist ja genau das schöne daran. Es ist wie bei einer Magic Show, frag nicht nach wie der Trick funktioniert. Genieße einfach die Show.“ 

Stopp. Bei einer Magic Show wissen die Zuschauer genau, dass sie ausgetrickst werden, weil es im Namen der Show ist. Aber wenn Leuten eingeredet wird, dass sie allein mit dem Glauben an das Qi bestimmte Fähigkeiten erlangen oder schwere Krankheiten heilen können, weil der Therapeut damit Geld verdient, dann hört der Spaß und die Bewunderung ganz schnell auf. Sowas nennt man Ausbeutung.

In all den Jahren, in denen ich mit Kampfkunstinteressierten zu tun habe, habe ich eine wichtige Erkenntnis erlangt. Es wird Zeit, dass wir die chinesische Kampfkunst entmythisieren.

Dabei möchte ich nicht den begriffen ihre Bedeutung entreißen, aber korrigieren, indem ich solche Begriffe in den richtigen Kontext setze.

Ein Gedankenspiel

Europäer lernen die chinesische Kampfkunst immer andersrum als die Chinesen. Den chinesischen Schüler fordert man auf eine Bewegung mindestens 100 mal zu wiederholen. Dieser würde ohne nachfragen einfach loslegen.

Der Europäer muss aber die Intention zuerst verstehen, fragt nach wieso, weshalb und warum gerade jetzt. Das ist natürlich nicht böse gemeint, sondern lediglich eine Beobachtung.

Das sind aber zwei grundsätzlich unterschiedliche Lernmethoden und Ansätze. Der chinesische Schüler fängt mit dem Körper an zu lernen, der Europäer mit dem Kopf. Nun ist aber der Körper in jeder Kampfkunst das wichtigste Werkzeug denn der Kopf kommt am Schluss dann doch noch drauf. Deshalb hören meine Schüler oft „nicht nachdenken, erst mal machen.“

Wenn der Körper anfängt, wird zuerst gespürt und nicht theoretisiert. Und hier ist der Knackpunkt. Setze ich das mystische Konstrukt Qi in die Köpfe der Schüler, dann sucht der Kopf danach und der Körper hört auf zu spüren.

Man kann gerne zu einem späteren Zeitpunkt die Stärke der Europäer wieder einsetzen, indem man über Theorie spricht, nachdem der Körper eine gewisse Grundlage erlangt hat. Aber davor sollte es nur um Übung, Übung und noch mehr Übung gehen.

Und nun kommen wir zum interessanten Teil, nämlich der Entmythisierung… In den letzten Jahre haben neue trendige Wörter ein breites Publikum erreicht. Wörter wie Faszien, Bindegewebe, und so weiter. Nun haben diese Begriffe und medizinischen Neuentdeckungen überraschend viel mit den Lehren der traditionellen chinesische Medizin gemeinsam. Ich möchte eines klarstellen, ich sage dem Qi im Kontext der TCM nicht seine Bedeutung ab. Man sollte aber wissen, wieso man den Begriff überhaupt benutzt.

Das Qi ist ein Konzept, wie Yin und Yang und dem Dao… Mit diesen Konzepten haben die chinesischen vor Jahrhunderten versucht einen Weg zu finden ihre Weltanschauung zu verbalisieren und aufzuzeichnen. Zu einer Zeit in der es eben noch keine Mikroskope, Satelliten und Drohnen hatte. Diese Konzepte lassen sich aber genau jetzt mit neuen Entdeckungen der Wissenschaft übersetzen. Und zwar in eine Weltanschauung die unserer Zeit entspricht. Dafür ist es nicht notwendig an eine „höhere Kraft“ des Qi glauben zu müssen.

Und genau mit dieser Übersetzung haben wir es in unserem TCM Seminar von Christina zu tun. Wir möchten die Leute darüber aufklären und auch ein bisschen schulen, nicht auf jede Qi-Werbung hereinzufallen.

Wer jetzt hofft, dass ich jetzt sofort mit der Entmythisierung von Qi anfange, der oder die muss sich noch ein bisschen gedulden. Dieser Artikel ist erst mal dafür gedacht, um überhaupt auf die Problematik aufmerksam zu machen.

Weil manchmal muss man eben zuerst erklären wieso, weshalb und warum man etwas macht.

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