Begrüßungen sind allgegenwärtig und Teil unseres Alltags. In der Kampfkunst reicht aber ein alleiniges „Hi“ nicht aus, denn wie so manches andere auch, ist in der Kampfkunst vieles mit tiefer Bedeutung aufgeladen.

Diese Einleitung soll nicht bedeuten, dass wir unseren Schülern das „Hi“ verbieten oder verwehren. Sie soll aber auch zeitgleich aufzeigen, wie wichtig allein die Begrüßung in der Kampfkunst ist. Von diversen Handgestiken bis hin zur zeremoniellen Verbeugung hat man bestimmt schon mal Begrüßungen gesehen, welche man den exotischen „fernöstlichen Kampfkünsten“ zuordnen würde. Tatsächlich sind aber genau diese Begrüßungen ein wesentlicher Bestandteil vieler Kampfkünste, insbesondere asiatischer Kampfkünste.

Die Begrüßung ist, allen voran, ein Zeichen des gegenseitigen Respekts. Nicht nur bei Trainingsbeginn, aber auch bei jeder Partnerübung und nach Trainingsabschluss grüßt man. Der Fortschritt von unterschiedlichen Schülern kann individuell sehr unterschiedlich sein, aber alle Schüler können den Fortschritt nicht alleine bewältigen. Ein Schüler braucht einen Lehrer, Mentor oder Meister der ihm neues Wissen zeigt und vermittelt. Außerdem braucht der Schüler einen Trainingspartner, mit dem man gemeinsam das Gelernte üben und vertiefen kann. Sowohl der Meister als auch der Trainingspartner sind also wichtiger Teil der individuellen Entwicklung eines Schülers. Der Gruß soll nicht nur Dankbarkeit für die Unterstützung symbolisieren, sondern auch den respektvollen Umgang untereinander festigen.

Ein Zeichen des Respekts

Diese Geste ist aber nicht nur auf den Trainingspartner oder eigenen Meister beschränkt. Die Dankbarkeit und der Respekt sind generationsübergreifend und reicht bis hin zum Großmeister und Urgroßmeister, denn ohne diese „Vorfahren“ hat der Schüler nicht die Möglichkeit die Kampfkunst von seinem Meister überhaupt zu lernen. Deshalb grüßt man auch in Richtung der früheren Meister.

Hat man nun die wichtigsten Begrüßungen hinter sich? Noch nicht ganz. Denn ein fester Bestandteil jeder chinesischen Kampfkunstschule ist Guangong, der Schutzpatron aller Kampfkünstler. Guangong wird neben den „Vorfahren“ zusätzlich gegrüßt. Man wünscht sich dadurch ein erfolgreiches und verletzungsfreies Training unter seiner Aufsicht.

Der typische Gruß in der chinesischen Kampfkunst ist mit der rechten Faust auf der linken Handfläche. Diese Handhaltung ist aber nicht rein zufällig entstanden. Und genau hier kommt die wohl meist gestellte Frage von neuen Schülern: „Was genau bedeutet der Gruß?“

Die Entstehungsgeschichte und die Bedeutung sind vielfältig und wird je nach Schule auch unterschiedlich ausgelegt. Nachfolgend versuchen wir die bekanntesten Bedeutungen hervorzuheben.

Ein Zeichen der Revolution

Das letzte Kaiserreich der Qing kam 1911 zum Ende. Die Qing-Dynastie war aber eine Mandschu-Dynastie, in der Han-Chinesen stark unterdrückt wurden. Die Revolutionären hatten deshalb das Ziel die Qing-Dynastie zu überwerfen und die Ming-Dynastie wieder herzustellen 反清復明. Damit sich Revolutionäre untereinander erkennen konnten, wurde hierfür ein spezieller Gruß eingeführt, der sogar das Schriftzeichen Ming 明 symbolisieren soll. Dabei steht die Faust für das Zeichen Sonne und die offene Hand für das Zeichen Mond, welche gemeinsam das Zeichen der Ming ergeben.

Eine große Kampfkunstfamilie

Eine weitere Erklärung für den Gruß ist ein altes Kampfkunst-Sprichwort: 五湖四海皆兄弟 – Alle von den fünf Seen und vier Meeren sind Brüder. Die fünf Seen und vier Meere sind teils geographische und, teils symbolische Orte welche früher das alte China umschlossen. In Sprichwörtern wird gerne diese Metapher benutzt, um das große China zu beschreiben. Dieses Sprichwort lässt sich sinngemäß so übersetzen, dass wir alle eine große Kampfkunstfamilie sind und nicht miteinander kämpfen sollen.

Die fünf Tugenden im Gruß

Die asiatischen Kampfkünste versprechen neben der körperlichen Fitness und Kampftechniken auch noch eine starke moralische Komponente. Für genau diese Komponente kommt oft der Begriff Wude 武德 (die Kampfkunst-Tugenden) ins Spiel. Denn durch die Kampfkunst soll ein Schüler nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen Geist und moralischen Kompass stärken. Diese Tugenden werden in fünf Tugenden der Handlung und die fünf Tugenden des Geistes unterschieden:

Tugenden der Handlung:

  • Bescheidenheit 谦虚
  • Respekt 尊敬
  • Rechtschaffenheit 正義
  • Vertrauen 信用
  • Loyalität 忠诚

Tugenden des Geistes:

  • Wille 
  • Standhaftigkeit 
  • Ausdauer 毅力
  • Geduld 恒心
  • Mut 勇敢

Ein Kampf-Gruß?

Der Gruß wird ab und an aber auch in seiner Bedeutung verzerrt oder falsch interpretiert. Manche interpretieren ihn als „Kampf-Gruß“ und sind der Meinung, den Gruß versteht man als Herausforderung an einen Meister. Diese Interpretation teilen wir natürlich nicht und können auch nicht nachvollziehen, wie es dazu kam. Als korrekter Gruß wird hier scheinbar der alltägliche „Glückwunsch-Gruß“ verstanden, bei dem eine Hand die andere komplett umfasst.

Verbindungen zur kantonesischen Oper?

Aus früheren Erzählungen geht hervor, dass speziell im Hung Kuen Stil zwischen Hung Kuen auf dem Land 陸上洪拳 und Hung Kuen auf dem Wasser 水上洪拳 unterschieden wurde. In Zeiten der Shaolin-Verfolgung sind nämlich viele Meister vom Festland geflohen und auf Schiffen untergetaucht. Die untergetauchten Meister gaben sich als Schauspieler und Opernsänger aus, wanderten von Hafen zu Hafen um Opern-Stücke vorzuführen und zeitgleich der Verfolgung zu entgehen. Diese Schiffe wurden später als Hong Syun 紅船, rote Boote, bekannt. Das hier verwendete Hung 紅 (rot) klingt nur in der Aussprache gleich wie das Hung 洪 aus Hung Kuen/Hung Kyun, verwendet aber ein anderes Schriftzeichen. Man kann nur spekulieren, ob die Farbwahl der Schiffe ein Zufall war oder doch mit mehr Bedeutung aufgeladen wurde.

Diese Meister sollen Einflüsse aus der Kampfkunst in die kantonesische Oper eingebracht haben, was bei den Kampfkunst-nahen Choreographien auch nicht wundert. Um aber genau dieses „Hung Kuen auf dem Wasser“ von der Festland-Version weiter zu unterscheiden, wurde der Gruß umgekehrt ausgeführt. Daher legt man in der kantonesischen Oper die offene rechte Hand auf die linke Faust.

Wer mal in Guangzhou Urlaub macht, sollte unbedingt im Museum der kantonesischen Oper vorbeischauen. Dort werden viele weitere interessante Verbindungen zwischen der Kampfkunst und der Oper vorgestellt, ein Besuch lohnt sich!

Und was sagen wir?

Wie man merkt, kann die Bedeutung vom Gruß unterschiedlich ausgelegt werden. Für die einen ist es ein geschichtliches Relikt, für die anderen eine verschlüsselte Lektion. In unserer Schule wird die Bedeutung weitergeführt, welche bereits zu Zeiten meines Großvaters gelehrt wurde. Hier vereint man eine wichtige Lektion mit der chinesischen Kultur.

Dabei steht die offene Handfläche für die folgende Hierarchie: Der Daumen steht für den Himmel, der Zeigefinger für die Erde, der Mittelfinger für den chinesischen Kaiser, der Ringfinger für den eigenen Meister und der kleine Finger für die eigenen Eltern. Hier ist es wichtig die Bedeutungen der einzelnen Rollen im Kontext der chinesischen Kultur zu verstehen. Der Himmel spielt in der chinesischen Kultur eine immens wichtige Rolle, den er ist das Gegenstück zur Erde. Diese beiden Begriffe sind in der chinesischen Kultur tief verankert und werden in alten Palästen, Schildkröten, Münzen und Symbolen immer wieder verwendet. An nächster Stelle steht der chinesische Kaiser der, allen voran, die höchste Instanz unter Menschen war. Nun kommen wir aber zum interessantesten Teil, dem eigenen Meister und der Eltern. Denn die Schüleraufnahme durch einen Meister war die höchste Ehre, die ein Schüler erleben konnte.

Durch diese Aufnahme, auch Baai Si Zeremonie genannt, wurde der Schüler nun in die Familie des Meisters aufgenommen und bekam dadurch eine Art Zweitfamilie. Diese stand aber hierarchisch über der eigenen Familie und soll symbolisieren mit welcher Entschlossenheit ein Schüler den Weg der Kampfkunst verfolgt. Der Daumen der offenen Handfläche wird aber abgeknickt. Da man nie ebenbürtig mit dem Himmel steht, steht der abgeknickte Daumen für die eigene Bescheidenheit.

GELEHRTE UND KÄMPFER

Sowohl die offene Handfläche als auch die geballte Faust haben wiederum ihre eigene Bedeutung. Die offene Handfläche steht für das offene Herz des Schülers, die geballte Faust für die Kraft und das Durchhaltevermögen. Dabei wird sinnbildlich gerne vom Gelehrten und Kämpfer gesprochen. Die offene Hand symbolisiert den Gelehrten und die Faust den Kämpfer. Diese beiden Aspekte werden nämlich in der Kampfkunst vereint, es geht nicht nur alleine um das „Kämpfen“, sondern darum durch die Kampfkunst an tiefere Weisheiten zu gelangen.

Man merkt also schnell, dass man in etwas unscheinbarem wie dem Gruß bereits eine Menge Bedeutung findet. Der Gruß ist eine der grundlegenden Bausteine für eine gesunde Trainingsatmosphäre und eine reflektierte Entwicklung und Ausbildung des Schülers. Umso wichtiger ist es, sich bei jedem Gruß der Bedeutung bewusst zu werden und den eigenen Weg in der Kampfkunst vor Augen zu halten.

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