Die fünf Elemente jeder Bewegung sind ein universelles Konzept und alle sollten diese verinnerlichen. Doch welche Elemente sind hier genau gemeint und wieso sind sie so wichtig?

Unsere Schüler und Schülerinnen bekommen in unserem Unterricht seit über 30 Jahren immer wieder zu hören: Sau, Ngaan, San, Faat, Bou! (手眼身法步). Diese fünf Zeichen ergeben gemeinsam eigentlich gar keinen Sinn, sondern sind lediglich eine Aneinanderreihung unterschiedlicher Zeichen. Diese fünf Zeichen sind weniger als ein vollständiger Satz zu verstehen, sondern  ähnlich wie ein Merksatz.

Dieser Spruch bzw. Merksatz fällt in die gleiche Kategorie wie zum Beispiel der Ausdruck  „Die vier Säulen des Kämpfens“, welcher die vier Hauptelemente des Kämpfens beschreibt und in jeder effektiven Kampfkunst vorhanden sein sollten: Treten, Schlagen, Werfen und Hebeln.

Im Gegensatz zu den „vier Säulen des Kämpfens“ hört man heutzutage leider nur noch selten den Merksatz über die „fünf Elemente jeder Bewegung“. Doch was genau sind diese fünf Elemente und was ist damit gemeint?

Ein universelles Konzept

Dieser Merksatz beschreibt die „fünf Elemente“,  die essentieller Bestandteil jeder einzelnen Bewegung in einer Kampfkunst sind. Egal ob Wushu, Taichi, japanische, koreanische, philippinische, mongolische oder westliche Kampfkünste, die „fünf Elemente“ lassen sich auf sowohl traditionelle als auch moderne Kampfkünste übertragen.

Die „fünf Elemente“ sind:

  • Sau | Arme und Hände

  • Ngaan | Augen und Blick

  • San | Körperführung und Körpermechanik

  • Faat | Anwendung und Technik

  • Bou | Stand und Beinarbeit

Diese „fünf Elemente“ begleiten jede einzelne Bewegung. Hierbei ist zu betonen, dass nicht nur „Techniken“ in einer Kampfkunst gemeint sind. Mithilfe vom  diesem Merksatz sollen wir uns zu jeder Zeit bewusst darüber sein, dass sich der Körper als komplette Einheit bewegen soll. Nur wenn alle „fünf Elemente“ in jede Bewegung integriert sind, bietet das die Grundlage für eine korrekte Ausführung der Technik und die richtige Kraftentwicklung.

Sau Faat | Arme und Hände

Die Hände sind nicht nur im Alltag ein wichtiges Werkzeug, sondern spielen auch eine der wichtigsten Rollen in jeder Kampfkunst. Sie dienen z.B.  zum Schlagen, Stoßen, Greifen, Kontrollieren, Halten usw. Allerdings können die Hände ihre essentielle Rolle nicht erfüllen, wenn die Arme sie nicht korrekt unterstützen. Dabei sollen Arme und Hände hart und weich zugleich sein. Auf der einen Seite sollen sie die nötige Stabilität und Stärke für eine Technik bieten, auf der anderen Seite sollen sie schnell und flexibel sein, um dem Griff des Gegners zu entweichen.

Ngaan Faat | Augen und Blick

Die Augen und der Blick werden meist vernachlässigt, übersehen und unterschätzt. Oft wird vereinfacht behauptet, dass man nur „dort hinschauen soll, wo der Angriff hingeht“. Auch wenn diese Erklärung mit gewissen Ausnahmen zutrifft, gibt es zusätzlich noch zwei wichtige Gründe.

Der Blick lenkt und trainiert den Fokus. Man übt stets, die Konzentration an die richtige Stelle zu bringen, indem man den Blick punktgenau führt. Dabei soll auch die innere Haltung nach außen transportiert werden. In der Kampfkunst trainiert man unter anderem, sich zu stärken und mental keine Schwäche zu zeigen. Der Blick soll nicht vom Ziel wandern und man soll nicht vor Angst auf den Boden schauen. Durch die Augen soll die eigene Präsenz, Konzentration und Entschlossenheit erkennbar sein.

Der Blick nimmt den Raum um eine Person herum wahr. Das kann für eine Show und einen Kampf gleichermaßen wichtig sein. In einer Show richtet sich die Aufmerksamkeit des Publikums nach dem Blick des Künstlers. Der Blick „bildet und baut“ die Bühne.

Im Kampf ist es nicht sinnvoll den Blick ständig auf das Angriffsziel zu setzen. Damit läuft man Gefahr, den geplanten Angriff bereits zu verraten. Bei einer Täuschung oder Finte ist es hilfreich, durch den Blick den Gegner auf die falsche Fährte zu bringen, während der Angriff von anderer Stelle kommt. Beispielsweise kann der Blick gemeinsam mit einer Handtechnik als Finte ausgeführt werden, während ein Kick als primärer Angriff genutzt wird.

San Faat | Körperführung und Körpermechanik

Durch das Training in traditionellen Kampfkünsten wird die Koordination und Körperkontrolle trainiert. Das Ergebnis ist eine verbesserte Körperführung und ein tieferes Verständnis für die natürliche Körpermechanik.

Das Training des „Körpers“ kann symbolisch in die „innere“ und „äußere“ Ebene eingestuft werden. Beim „inneren“ Training des Körpers übt man die korrekte Kraftentwicklung. Hier werden Gelenke, Faszien und Muskeln des gesamten Körpers als Kette trainiert, welche die Kraft weiterleiten sollen. Damit ist die korrekte Körpermechanik gemeint. Das „äußere“ Training beinhaltet sowohl die Haltung einer Person, als auch die Positionierung des Körpers im Kontext zu einem Gegner oder Partner.

Beide Ebenen, sowohl die „innere“ wie auch die „äußere“, gehen Hand in Hand und bestimmen dann die Effektivität der Technik, welche eine Person ausführt. Denn idealerweise möchte man nicht nur durch die Körpermechanik genug Kraft entwickeln, sondern zeitgleich den Körper in optimale Positionen führen, um die Oberhand über den Gegner zu bekommen.

Yung Faat | Anwendung und Technik

Eine effektive Kampfkunst soll nicht nur den Kampf wiederspiegeln, sondern auch  praktische Anwendungen beinhalten. Der Ausgangspunkt hierfür sind Einzeltechniken, welche man in den meisten traditionellen Kampfkünsten in Formen (Taolu/Toulou, Kata, Pumsae) trainiert.

Zitat Motobu Choki: Nichts ist gefährlicher für die Welt, als eine Kampfkunst, die in der Selbstverteidigung nicht effektiv ist.

Zitat Wang Xi’an: Ein weiteres Problem mit dem chinesischem Wushu ist, dass jedes System, welches keine Angriffs- und Abwehrprinzipien hat, nur ein Tanz ist. 

Das Visualisieren der beabsichtigten Anwendungen hilft im Einzeltraining dabei, die Technik korrekt auszuführen. Ohne die Anwendung kann eine Technik nicht korrekt ausgeführt werden und ohne Techniken hat die Kampfkunst keine Anwendung.

Denn nur wenn eine Technik mit der Absicht einer Anwendungen ausgeführt wird, kann die korrekte Körpermechanik und Körperführung trainiert werden.

Bou Faat | Stand und Beinarbeit

Das „Fundament“, auf dem alle Kampfkunst-Praktizierenden stehen sind die eigenen zwei Beine. Analog zum Hausbau, lässt sich kein Haus ohne solides Fundament bauen. In Form der Kampfkunst äußert sich die Wichtigkeit der Beine in Form von Ständen und Beinarbeit.

Standtraining ist sowohl ein ideales Krafttraining als auch ein Ausdauertraining. Man schult durch das statische Halten eines Standes, den inneren Schwerpunkt des Körpers zu senken und sich somit „mit dem Boden zu verwurzeln“. Durch die vielfältigen Standwechsel und dynamischen Kicks wird die Beinarbeit verbessert. Auf der einen Seite brauchen KampfkünstlerInnen die nötige Stabilität aber sollen zugleich leicht auf den Beinen sein und schnell bewegen können. Außerdem wird aus den Beinen heraus die meiste Kraft generiert, die dann über die korrekte Körpermechanik bis in die Fäuste weitergeleitet wird.     

Die fünf Zeichen fassen also fünf Elemente zusammen, welche die Grundlage jeder Bewegung in einer Kampfkunst bilden. Um eine korrekte Ausführung zu gewährleisten, sollen alle KampfkünstlerInnen sich diese fünf Elemente verinnerlichen und stets vor Augen halten.

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