Urs Krebs Taichi Taiji Training Wang Xian

Taijiquan wird heutzutage als Gesundheitsförderung wahrgenommen. In manchen Ländern und Regionen wird es gar von Krankenkassen unterstützt, weil es sich positiv auf Kreislauf und Bewegungsapparat auswirkt. Doch was ist Taijiquan genau und woher kommt es?

Über unseren Gastautor Urs Krebs

Unseren ersten Gastbeitrag schreibt unser langjähriger Schüler Urs Krebs. Er begann sein Hung Kyun-Training 1989 bei Sifu Wu Meiling und trainiert seit über 30 Jahren intensiv Taichi/Taijiquan bei Meister Wang Xian, mit Abstechern in andere Familienstile.

Urs Krebs blickt auf eine spannende Zeit als Kampfkunst-Athlet zurück. Er nahm an zahlreichen Turnieren teil und leistete jahrelang grundlegende Arbeit in offiziellen Wushu-Verbänden wie z. B. der swisswushu (Swiss Wushu Federation), EWuf (European Wushu Federation) und der IWUF (International Wushu Federation).

Urs Krebs mit Taichi/Taiji Meister Wang Xian

Eine kurze Begriffserklärung über Taichi/Taijiquan

Taiji ist ein daoistisches Prinzip und beruht auf den Gegensätzen dieser Welt, beispielsweise Tag und Nacht oder hell und dunkel oder, übertragen auf die Kampfkunst, Härte mit Weichheit besiegen. Man spricht auch von der kosmischen Dualität oder dem höchsten Prinzip des Kosmos. Übertragen auf die Kampfkunst Taichi/Taijiquan heisst dies also, dass Taijiquan eine Kampfkunst ist, die auf dem Taiji-Prinzip beruht.

Es gibt verschiedene Schreibweisen für Taijiquan. Der Grund liegt bei verschiedenen Umschriften. Früher war in den Vereinigten Staaten und in Europa die Wade-Giles-Umschrift weit verbreitet, heutzutage wird vielerorts die von der Volksrepublik ursprünglich als Lesehilfe eingeführte Pinyin-Umschrift verwendet. Deshalb verwenden nach wie vor viele Taijiquan-Schulen die früher gebräuchliche Schreibweise Taichi Chuan (korrekt eigentlich T’ai Chi Ch’üan) anstelle von Taijiquan.

Taijiquan wird heutzutage als Gesundheitsförderung wahrgenommen. In manchen Ländern und Regionen wird es gar von Krankenkassen unterstützt, weil es sich positiv auf Kreislauf und Bewegungsapparat auswirkt. Doch was ist Taijiquan genau und woher kommt es?

Entstehung des Taichi/Taijiquan

Um diese Fragen zu klären müssen wir einige Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit gehen. Auch wenn bereits die Taijiquan-Entstehungsgeschichte kontrovers diskutiert werden kann, versuche ich mich hier auf die offiziellen und historisch relevanten Ereignisse zu beschränken.

Wir wissen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass die Chen-Familie im Kreis Wen der Provinz Henan die ursprüngliche Variante des Taijiquan entwickelt hat. Auch wenn die Chen-Familie sich auf den Standpunkt stellt, dass ihr Ahnherr Chen Bu (1. Generation) eine frühe Form von Taijiquan entwickelt hat, ist es wahrscheinlicher, dass erst durch Chen Wangting (9. Generation) das entstand, was wir heute als Taijiquan kennen. In vielen Büchern liest man, dass Chen Wangting General gewesen sei. Wahrscheinlicher ist, dass er ein Garnisonsoffizier war, der sich in Dengfeng einer Rebellion des Regionalfürsten Li Jiyu anschloss, die später niedergeschlagen worden ist. Chen Wangting kehrte nach Chenjiagou, dem Wohnsitz der Familie Chen, zurück und widmete sich von da an den Kampfkünsten. Dazu dienten ihm der familieneigene Stil (wahrscheinlich eine frühe Tongbeiquan-Variante, die auf Chen Bu zurückgeht) und das Kapitel Quanjing Pieyao Jian aus dem berühmten Buch «Ji Xiao Xin Shu» des Ming-Generals Qi Jiquang.

Vor diesem historischen Hintergrund scheint es also unwahrscheinlich, dass Taijiquan als Gesundheitsförderung entwickelt worden ist. Es ist nun aber so, dass Kämpfen und Heilen in China oft zusammengehörten und zusammen unterrichtet wurden. Auch im Hung Kyun in unserer Familie ist es ja so, dass man früher die Verletzungen, die man durch die Kampfkunst jemandem zufügte, auch wieder heilen können musste. Dies führte zur Kunst des Dit Da, des Knochenrichtens, die unser Sibak Wu Rungen noch heute meisterhaft beherrscht. Also kann man davon ausgehen, dass auch beim Taijiquan gewisse gesundheitsfördernde Ideen mit eingeflossen sind.

Wir wissen auch, dass alle heute bekannten Familienstile (Yang, Wu/Hao, Wu und Sun) direkt oder indirekt vom Chen-Stil abstammen. Somit wissen wir, dass das was wir als Taijiquan in verschiedenen Varianten kennen, den gleichen Ursprung und somit die gleiche Kernidee hat.

Wie soll Taichi/Taijiquan trainiert werden?

Soweit also die Ausgangslage. Das führt uns zur nächsten Frage: Wie soll Taijiquan trainiert werden? Um das zu beantworten müssen wir uns folgendes Verständnis erarbeiten: Taijiquan ist ein Kampfkunst-Stil, der wiederum in verschiedene Familienstile gegliedert ist. In den chinesischen Kampfkünsten ist ein Stil in der Regel eine Methode um gewisse Skills, gewisse Fähigkeiten zu trainieren. Im Chen-Stil sind dies beispielsweise Fajin (Explosiv-Kraft), Spiralkraft und Qinna (Greif- und Hebelmethoden). Um dies zu erreichen wurden entsprechende Übungen und Techniken entwickelt, mit denen man diese Fähigkeiten entsprechend trainieren konnte. Daraus entstanden schliesslich die Formen.

Mit den Formen alleine war es natürlich nicht getan, denn kein Kampfkunst-System kann erfolgreich sein, wenn die Techniken ohne Partner geübt werden. Dazu entstanden im Taijiquan Tuishou-Übungen (Push Hands, stossende Hände). Zu Beginn übte man in festgelegten Routinen, später ging man ins freie Üben über, das schliesslich in Sanshou, dem Freikampf mündete. Diese Struktur, von Form über Tuishou zu Sanshou kannten mehr oder weniger alle Familienstile, reichte also nachgewiesenermassen bis ins 20. Jahrhundert (der Sun-Stil, der jüngste der fünf Familienstile entstand erst im 20. Jahrhundert).

Warum wird Taichi/Taijiquan nicht mehr als Kampfkunst wahrgenommen?

Um das einigermassen schlüssig zu beantworten, müssen wir einerseits zwei Aspekte beleuchten andererseits wieder etwas in die Vergangenheit zurückblicken. Der erste Aspekt liegt in eben dieser Vergangenheit. Wu Yuxiang, Schüler von Yang-Stil Gründer Yang Luchan und später auch von Chen Qingping gelangte angeblich durch seinen Bruder an ein Manual eines taoistischen Taijiquan-Meisters namens Wang Zongyue. Inzwischen kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gesagt werden, dass dieser Wang Zongyue nie existiert hat und dass sein Manual wahrscheinlich von Wu Yuxiang selbst verfasst worden ist.

Von diesem verschwundenen Original (wie praktisch…) gab es drei Abschriften, wovon zwei noch existieren. Eine in der Li-Familie (Die erhielt Wu Yuxiang’s Neffe Li Yiyu) und eine, die Li Yiyu seinem Schüler Hao Weizhen gab. In der Abschrift der Li-Familie gibt es keine Hinweise auf Wang Zongyue, hingegen hat Li Yiyu auf Hao Weizhen’s Exemplar geschrieben, dass es sich um Wang Zongyues Manual handle. Dieses Manual war quasi der Startschuss zu einer «Wudangisierung» des Taijiquan, also eine zunehmende Assoziierung des Taijiquan mit dem Wudang-Mythos. Damit einhergehend fand eine «Verkopfung» statt, will heissen, die Kampfkunst wurde zusehends theoretischer und philosophischer.

Li-Familie Exemplar vom Taichi Manual
Exemplar der Familie Li
Li-Familie Exemplar vom Taichi Manual
Exemplar von Hao Weizhen

Kämpfen steht nicht mehr im Programm

Das zweite einschneidende Ereignis war das Resultat des chinesischen Bürgerkriegs. Hatte die nationalistische Guomindang Regierung durch die Schaffung des Central Guoshu Institutes noch ernsthaft versucht, Wettkampf-Formate für die chinesischen Kampfkünste zu schaffen, in denen Zweikampf explizit vorhanden waren (unter Anderen waren auch Taijiquan-Meister wie Yang Chengfu und Sun Lutang involviert), war das mit der Machtübernahme durch die Kommunisten definitiv beendet. Die Kommunisten hatten mit traditionellen Kampfkünsten nichts mehr am Hut. Körperliche Ertüchtigung sollte nur noch Gesundheit und Wohlbefinden fördern, was schliesslich zur Degenerierung der chinesischen Kampfkünste durch das moderne, von der chinesischen Regierung geförderte Wushu führte.

Mittendrin in diesem Prozess war natürlich Taijiquan. Nachdem sich die Volksrepublik China einigermassen etabliert hatte, begann man im Beijing Institute of Physical Education (heute bekannt als Beijing Sports University) mit der Entwicklung von Standardformen deren Zweck körperliche Ertüchtigung (z.B. Chuji Changquan) oder Gesundheitsförderung war (24er Pekingform).

Während die erste Generation dieser Entwickler von Standardformen durchaus noch Ahnung von Kampfkunst hatten (der Schöpfer der Pekingform war z.B. Li Tianji der Sohn von Li Yulin, welcher wiederum von Li Jinglin (ehemaliger Leiter des Central Guoshu Institutes) Yang-Stil und von Sun Lutang Sun-Stil Taijiquan gelernt hatte), starb dieses Wissen mit der Zeit aus. Zweikampfübungen gehörten nicht zum Programm. Dies erklärt auch, warum Kontaktsportarten in China heutzutage seltsam abgekoppelt vom Ursprung wirken, weil sie erst nach der Kulturrevolution langsam am Reissbrett geplant und «integriert» wurden.

TAICHI ALS VOLKSSPORT IN CHINESISCHEN PARKS

Später wurden in der Volksrepublik China verschiedene Studien in Auftrag gegeben und durchgeführt, um den gesundheitsfördernden Nutzen von Taijiquan zu belegen. Meist wurden diese vom Beijing Institute of Physical Education durchgeführt, also der gleichen Institution, welche auch die modernen Taijiquan-Formen entwickelt hatte. Trotzdem kann gesagt werden, dass Taijiquan tatsächlich gesundheitsfördernde Aspekte hat, teils verbunden mit der Atmung und dem Kreislaufsystem, teils mit der Körperhaltung, die sich von der natürlichen Körperhaltung unterscheidet, die Wirbelsäule aber merklich entlastet.

Die kommunistische Partei hat denn auch diesen gesundheitsfördernden Aspekt propagandistisch ausgeschlachtet und entsprechend gefördert. Das führte schliesslich dazu das viele Angehörige der älteren Generationen sich morgens in den Parks der grossen Städte zum gemeinsamen Taijiquan-Training trafen.

Ohne Intention gibt es keine Form

Dies alles führt uns zur wohl wichtigsten Frage: Wie soll Taijiquan in der heutigen Zeit geübt werden? Meine Antwort ist geprägt von 30 Jahren Taijiquan-Training hauptsächlich Chen-Stil mit Abstechern in den Yang- und den Sun-Stil und Erfahrungen im traditionellen und modernen Bereich: Als Kampfkunst. Ich erwarte von meinen Schülern nicht, dass sie kämpfen lernen (sie dürfen aber, wenn sie wollen). Aber: Beim Üben der Form sollten wichtige Aspekte der Kampfkunst berücksichtigt werden. Yi (chin.: 意 Absicht, Intention) spielt dabei eine wichtige Rolle.

Man sollte eine Bewegung immer so ausführen, als ob ein Gegner angreifen würde und man seine Attacken vorausahnen würde. Dazu ist es natürlich wichtig, zu wissen, was eine Bewegung bedeutet, welche Anwendungen sich darin verbergen. Aus diesem Grund sollten im Taijiquan-Training Anwendungen zumindest ab und zu mal geübt werden. Damit beispielsweise ein Schüler versteht, was der Sinn der einfachen Peitsche (單鞭 Dan Bian) und der Hakenhand (rechte Hand im Bild unten) in dieser Bewegung ist.

Dan Bian Bewegung aus dem Chen Stil Taichi
Bewegung „Dan Bian“ aus dem Chen-Stil Taichi

Durch die Anwendung wird deutlich, dass die Hakenhand das Greifen des Handgelenks des Gegners simuliert.

In den drei Bildern zur Anwendung wird aber auch deutlich, dass in der Anwendung mehr steckt, als nur das Handgelenk zu greifen. Im zweiten Bild sieht man, dass mit dem linken Oberschenkel das rechte Knie des Gegners blockiert wird und gleichzeitig ein Schulterstoss ausgeführt wird. Im Anschluss daran wird der Gegner über das Knie zu Boden geworfen.

Wenn man also die Form übt, sollte man die Bewegungen der Form, hier im Beispiel die einfache Peitsche immer so ausüben, als würde man den Schlag des Gegners abfangen, sein Handgelenk packen, sein Knie blockieren, einen Schulterstoss anbringen und ihn schliesslich über mein Knie zu Boden werfen. Nur so erhält die Form Inhalt und Sinn. Ansonsten ist sie leer, sinnlos.

Die korrekte Übung ist essentiell

Wichtig ist auch, dass man versteht, dass die körpermechanischen Aspekte der Form oder in den Seidenübungen dazu da sind, Prozesse zu etablieren die Kraft generieren, und zwar mehr Kraft als die körperliche Konstitution üblicherweise hergeben würde. Ob man diese Kraft dann tatsächlich für den Zweikampf braucht, oder sie einfach dazu übt um seine körperliche Konstitution zu stärken ist zweitrangig. Mein Chen-Stil Meister Wang Xian hat in einem Interview folgendes zu dieser Problematik geantwortet:

«Das Training sollte immer eine Kombination von Yi (意), Qi (氣) und Xing (形) beinhalten. Dies weil Xing, die Form immer von Yi (Absicht, Intention) untermauert wird. Kein Yi zu haben ist wie Bogenschiessen ohne Ziel. Darum muss Yi Nian (意念), gedankliche Intention durchgehend verwendet werden, in Verbindung mit Xing. Xing (die Form) folgt Qi (Energie) und die Kombination davon fördert die Gesundheit. Gesundheit und Gong Fu/Kungfu Seite an Seite – so sollte es sein.»

Aus meiner Sicht ein perfektes Schlusswort.

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