Formen

Jede Kampfkunstschule hat ein eigenes Lehrprogramm mit unterschiedlichem Formen-Training. Aber wieso werden Formen überhaupt trainiert und was für eine Rolle spielen sie?

In unserer Schule lernt jeder Kungfu- oder Wushu-Anfänger unsere eigens entwickelte Einstiegsfaustform Yap Mun Kuen/Jap Mun Kyun (入門拳). Taichi-Anfänger beginnen mit der bekannten Peking-Form aus dem Yang-Stil. Unabhängig davon, ob die Person Vorkenntnisse besitzt oder nicht, davor andere Stile gelernt oder bei einer anderen Schule trainiert hat. Diese Einstiegsformen sind in unserer Schule die Grundlage um danach weitere Formen zu lernen.

Traditionelle Kampfkünste sind bekannt dafür ihren Schülern genau solche Formen (套路 Mandarin: Taolu, Kantonesisch: Toulou) beizubringen. Je nach Kampfkunst und Stil gibt es nur eine Handvoll Formen oder eben über Hundert.

Ob man sie nun Taolu, Kata, Pumsae, Juru oder Spiel nennt, gemeint ist dasselbe: Eine festgelegte Abfolge diverser Bewegungen. In der deutschen Sprache hat sich der Begriff „Form/Formen“ für diese Abfolgen und Kombinationen etabliert. Diese Abfolgen und Kombinationen werden ständig wiederholt und trainiert. In Kampfkünsten gibt es zum einen standardisierte Formen, welche Weltweit gleich durchgeführt werden, und andere, welche in der Regel nur in bestimmten Stilen fortgeführt werden.

Egal welche Kampfkunst man sich anschaut, Formen sind immer ein fester Bestandteil des Trainingsprogramms. Auch unsere Schüler trainieren fleißig Formen. Mich wundert nur, wieso nicht öfter die Frage aufkommt: Wieso trainieren wir eigentlich überhaupt Formen?

Sind Formen das bessere Fitnesstraining?

Man kann nicht leugnen, dass das Formen-Training in Kampfkünsten eine breite Masse erreicht hat und die Schüler sich daran erfreuen und ihren Spass haben. Formen fördern nicht nur die Körperkoordination und Präzision, sondern halten den Körper generell fit. Durch die unterschiedlichen Bewegungen verbessert man die eigene Mobilität/Flexibilität, Schnelligkeit und Kraft. Durch das ständige Wiederholen der Einzeltechniken und Formen wird das körperliche Muskelgedächtnis (engl. Muscle Memory) und auch allgemein das Gedächtnis gefördert. Sowohl Körper als auch Geist bleibt fit.

Dadurch, dass in der Kampfkunst ein breites Spektrum an Bewegungsabläufen trainiert wird, ist es ein ganzheitliches Training welche unterschiedliche Aspekte von Körper und Geist fördern und stetig neu herausfordern. Für Leute, denen das repetitive Training im Fitnessstudio zu langweilig sein sollte, sind Formen in der Kampfkunst genau das richtige. In diesem Sinne erfüllen Formen einen ähnlichen Zweck einer Bewegungsstudie, sie lehrt einem wie man sich bewegt. Der Körper baut so gesehen ein großes Bewegungs-Repertoire auf, aus dem er jederzeit schöpfen kann. Somit kann man neue Formen, neue Bewegungen (auch aus anderen Sportarten) viel schneller aufnehmen und umsetzen.

Unabhängig davon welche Kampfkunst man trainiert, sollte man u. a. folgende Punkte automatisch durch Formen-Training verbessern:

HAUPTPUNKTE FÜR EIN FORMEN-TRAINING

  • besseres Körperbewusstsein (Koordination)

  • gutes Distanzgefühl (räumliches Bewusstsein)

  • korrekte Kraftentwicklung

  • verbesserte Fitness (Kondition)

Aber Formen ständig zu wiederholen und trotzdem bei jeder Ausführung die ganze Konzentration und Energie in jede Technik zu stecken braucht Disziplin und Durchhaltevermögen. In meinen Augen ist Formen-Training auch wie ein Charakter-Test für einen Schüler. Unkoordinierte lernen die Körperbeherrschung, unkonzentrierte lernen die Disziplin und ungeduldige lernen das Durchhaltevermögen. In anderen Worten wächst der Schüler gemeinsam mit der Kampfkunst.

Alles nur Show?

Bei einer Kampfkunst-Aufführung sieht vieles spektakulär aus. Es werden Formen gezeigt welche Sprünge und andere akrobatische Elemente beinhalten, einstudierte Partnerformen vorgeführt und choreografierte Gruppenformen gezeigt. Auf Turnieren treten Athleten mit Formen gegeneinander an und werden von Schiedsrichtern anhand von diversen Kriterien bewertet.

Das eine ist eine Vorführung, auf der z. B. die Kampfkunst einem breiteren Publikum präsentiert wird, das andere ist der Sport, auf dem sich Kampfkünstler/Athleten auf höchstem Niveau messen. Doch beides verzerrt das eigentliche Bild einer Kampfkunst und vermittelt das Gefühl, als wäre vieles inhaltslos und einfach eine schöne Darbietung, wie ein Tanz.

Obwohl sich die chinesische Kampfkunst tatsächlich in den letzten drei Jahrzehnten besonders als „Show-Kampfkunst“ darstellt, ist der Show- bzw. Vorführaspekt bereits ein langer Begleiter gewesen. Kampfkunstschulen in China, bis vor der Kulturrevolution, waren unter anderem auf öffentliche Vorführungen und Shows angewiesen. Kampfkünstler waren im Grunde genommen gleichzeitig auch Straßenkünstler (江湖). Damit wurde nicht nur Werbung für die Schule gemacht, sondern es wurde auch ein bisschen Geld verdient. Diese Einflüsse sieht man heutzutage noch sehr stark in Formen. Übungen wurden „blumiger“ und größer, weil man sie sichtbarer und schöner machen musste um ein großes Publikum anzusprechen.

IM ALTEN CHINA

Mein Großvater, Wu Shaoquan (1909-1967 吳少泉 kant. Ng Siu Cyun), ist mit seinen Schülern auch quer durch Guangzhou gezogen und hat überall vorgeführt. Zum chinesischen Neujahr war es üblich mit einem ganzen Löwentanz-Trupp durch die Straßen zu ziehen und von Geschäft zu Geschäft mit einem Löwentanz „das neue Jahr willkommen zu heißen“. Auf der ehem. größten Show-Bühne Guangzhou’s, der 中心台 (die Bühne im Zentrum), wurden von seiner Schule regelmäßig Aufführungen gezeigt und sein Team wurde sogar für Shows bei Staatsbesuchen in Guangzhou eingeladen.

Man darf also nicht vergessen, dass der Show- und Vorführaspekt in der chinesischen Kampfkunst immer schon ein wichtiger Bestandteil war. Nach der Kulturrevolution hat sich diese Komponente in ähnlicher Form wiedergefunden und wurde dann aber zunehmend im Wushu, der sportorientierten Kampfkunst, eingesetzt. Im Wushu wurden die Bewegungen aber größer und wurden durch akrobatische Elemente erweitert, sodass immer weniger der eigentlichen Anwendungen und Bedeutungen der Kampfkunst zu sehen waren. Anders als heute waren die Vorführungen früher, auch diejenigen von meinem Großvater, darauf fokussiert die tatsächliche Kampfkunst zu zeigen und möglichst wenig für die Show „zu verschönern“.

Man muss sich bewusst sein, dass es sich eben um Kampfkunst handelt. Also einer Bewegungskunst, welche den Kampf widerspiegeln soll bzw. sich aus dem Kampf entwickelt hat. Die Meinungen gehen in folgendem Punkt zwar auseinander, aber wir sehen eine gleichwertige Existenzberechtigung sowohl für die anwendungsbezogene als auch die sportorientierte Kampfkunst.

Kann man damit Kämpfen?

Eine Kampfkunst hat sich in der Regel immer aus dem Kampf entwickelt bzw. dient, auch heute noch, als Übungsrahmen um Kampftechniken zu vertiefen. Früher war die Kampfkunst z. B. auch ein wichtiger Bestandteil in der Ausbildung von Soldaten, vor allem zu Zeiten in denen die Grundausbildung nicht mit Schusswaffen zu tun hatte. Diese sollten nicht nur eine bessere körperliche Fitness bekommen, sondern auch Einzeltechniken lernen um sich gegebenenfalls im Nahkampf verteidigen zu können.

Diese Nahkampftechniken wurden unter anderem in Formen unterrichtet. Das bedeutet, dass die Einzelbewegungen in den Formen nicht nur leere Bewegungen sind, sondern einen Sinn und eine Anwendung haben. Das Formen-Training ist vor allem als Einzeltraining gedacht, wenn mal der Trainingspartner fehlen sollte. Deshalb ist die Visualisierung der Technik bzw. die Anwendung einer Bewegung essenziell für die korrekte Ausführung. Man darf aber hierbei nicht vergessen, dass reines Formen-Training nicht beibringt wie man kämpft. Es ist lediglich eine Stütze um die angewendete Technik zu lernen und zu vertiefen. Die Anwendung in den Formen muss man speziell lernen und auch im korrekten Partnertraining testen und anwenden. 

Formen sind wie ein Zusatztraining zu sehen, in denen man die Körpermechanik und Kraftentwicklung bestimmter Techniken übt. Nicht umsonst sagen wir in der chinesischen Kampfkunst, dass man „tief trainiert, aber hoch anwendet“ oder „groß trainiert, aber klein anwendet“. Wenn man denkt, dass wie in alten Shaw Brothers Kungfu Filmen gekämpft wird irrt sich gewaltig. Formen können aber nicht nur die physischen Aspekte eines Schülers verbessern, sondern können genauso theoretische Kampfprinzipien vermitteln. Denn je nach Stil gibt es eine unterschiedliche Kampftheorie, welche sich idealerweise in den Bewegungsabfolgen der Formen widerspiegeln soll.

FORMEN ALS WERKZEUG

In anderen Worten steckt in Formen nicht nur eine Bewegungsabfolge, sondern es werden Theorien und Prinzipien vermittelt, welche prägend für einen bestimmten Stil sind. In diesem Sinne sind Formen nämlich auch ein Werkzeug, um tieferes Wissen an Schüler zu vermitteln. Das war vor allem zu Zeiten, in denen es viele Analphabeten gab das beste Mittel. Frühere Meister haben also bestimmte Kampftechniken „katalogisiert“ und daraus Formen zusammengestellt, welche dem Schüler grundlegende Kampfprinzipien und Körpermechaniken beibringen sollten. Diese Formen wurden dann von Generation zu Generation angepasst und ggf. durch weitere sinnvolle Bewegungen ergänzt oder es wurden überflüssige Bewegungen gestrichen.

Jede der Bewegungen hat idealerweise einen Sinn. Manche Bewegungen haben eine praktische Kampf-Anwendung, andere sind als eine Art Übung (z. B. Kraftübung) gedacht. Es gibt aber auch bestimmte Bewegungen, welche lediglich als Übergang zwischen zwei Techniken gedacht sind oder sogar um Techniken zu verstecken, damit z. B. wertvolle oder komplexe Techniken nur von sehr fortgeschrittenen Schülern aktiv geübt werden.

Anders als im Sport gibt es eine Vielzahl an Formen, welche noch sehr bewusst die Kampfaspekte trainieren. Diese Techniken sind aber nur so effektiv, je nachdem wie man sie trainiert und übt. Konzentriert man sich bspw. nur auf das Formen-Training ohne die Techniken im Partnertraining zu üben, fällt logischerweise die Anwendung im Kampf vergleichsweise schwer.

Lernen, üben, verstehen und anwenden

In unserer Schule achten wir auf die vier Phasen, die ein Schüler idealerweise durchwächst. Dabei handelt es sich nicht um Phasen, die wir aktiv starten und abschließen, sondern eher um Phasen die abstrahiert den Entwicklungsprozess eines Schülers darstellen sollen.

Anfangs steht erst mal die körperliche Fitness im Vordergrund. Während des Lernens werden nicht nur unsere Einstiegsform und Grundübungen gelernt, um die körperliche Fitness zu verbessern, sondern auch über Hintergründe und Bräuche unserer traditionellen Schule unterrichtet, um die korrekte geistige Haltung zu vermitteln. Diese Lernphase hat dann einen fließenden Übergang zur zweiten Phase, der Übungsphase. Nachdem der Schüler eine gewisse Routine bekommen hat, müssen die gelernten Übungen und Kombination verinnerlicht werden. Das passiert am einfachsten mit regelmäßigem Training und gleichbleibender Konzentration, denn Ziel dieser Phase ist es, dass sich in der Übungsphase das Muskelgedächtnis verbessert und der „Kopf freier wird“, indem er nicht mehr primär mit Bewegungsabläufen beschäftigt ist.

Während dieser beiden Phasen sprechen wir über die eigentlichen Inhalte der Einzeltechniken, wie z. B. Anwendungen, vertiefen uns aber erst in der dritten Phase zunehmend darin. In der Verständnis-Phase geben wir dem Schüler einen tieferen Einblick wieso, weshalb und warum wir bestimmte Bewegungen ausführen und welchen Zweck sie erfüllen. Diese Phase legt nämlich einen wichtigen Baustein um in der letzten Phase, der Anwendungs-Phase, die gelernten und verinnerlichten Techniken, deren Bedeutung man nun vertieft hat, auch tatsächlich anwenden kann.

FORMEN ALS WICHTIGES FUNDAMENT

Formen bilden ein großes und wichtiges Fundament in der Kampfkunst. Sie sind eben nicht nur da um Kampftechniken, Theorien und Prinzipien zu vermitteln, sondern beinhalten auch körperliche und geistige Aspekte, welche die generelle Fitness fördern. Es gibt nun mal Formen welche über Generationen übermittelt wurden und sowohl Geschichte als auch praxisnahe Anwendungen haben, aber auch Formen welche für Shows und Turniere verändert und angepasst wurden. In unserer Schule unterrichten wir immer zuerst die traditionellen Formen (Kungfu) damit Schüler den richtigen Start in die Kampfkunst bekommen. Danach können Schüler jederzeit modernere Formen (Wushu) lernen um den Aspekt der Bewegungskunst zu erleben und auszubauen.

Ein gutes, korrektes Training sollte also folgende Aspekte lehren und verbessern:

INHALTE VOM FORMEN-TRAINING

  • Muskeln und Bindegewebe (Faszien) stärken

  • Flexibilität & Mobilität verbessern

  • Schmerztoleranz erhöhen

  • Bereiche für Angriff und Verteidigung stärken

  • Stabilität & Gleichgewicht verbessern

  • Körperkoordination verbessern

  • Körperbewusstsein fördern

  • richtige Kraftentwicklung lehren

Das traditionelle Training beginnt mit statischen Standübungen. Wir bringen unseren Schülern also zuerst bei, wie man richtig in der chinesischen Kampfkunst steht. Diese Standübungen halten wir in kompletter Ruhe. Erst die Ruhe gibt uns die Möglichkeit unser Körpergefühl/Körperbewusstsein zu verbessern, denn erst in der Ruhe können wir den Körper am besten spüren. Dadurch lernen wir am ehesten, wie der Körper funktioniert und können dann mit der korrekten Bewegungstechnik den Körper als Einheit nutzen. Dieser Ablauf trifft auf alle Kampfkünste zu, egal ob „extern“ oder „intern“, „nördlich“ oder „südlich“.

Es ist dennoch essentiell, über die Hintergründe der Formen und Techniken Bescheid zu wissen, unabhängig davon, ob man überhaupt ein starkes Interesse an den Kampf-Aspekten hat oder nicht. Denn dieses Wissen ist nötig um die Bewegungen überhaupt korrekt auszuführen und Formen mit der richtigen Intention zu üben.

Eine Kampfkunst ist nämlich mehr also nur kämpfen, aber ohne kämpfen ist es eben keine Kampfkunst!

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