Es gibt viele traditionelle Schulen, unsere ist eine von ihnen. Jedoch nennen sich viele Schulen aus unterschiedlichen Absichten und Hintergründen „traditionell“. Was genau soll dieser Begriff nun bedeuten und wieso braucht es endlich eine Aufklärung darüber?

Aus der Sicht eines Neulings, der oder die gerne mit Kampfkunst beginnen möchte ist es immer ein Entscheidungskampf. Welche Kampfkunst soll es sein? Welcher Stil soll es sein? Und dann kommen natürlich noch Trainingsprogramm, Beitragshöhe, Atmosphäre, Zeiten und so weiter dazu. All diese Faktoren spielen eine Rolle, die bei der Entscheidungsfindung helfen sollen. Nicht zuletzt ist aber auch wichtig, was der Hintergrund einer Schule ist. Und genau dann stoßen die Neulinge eben früher oder später auf den Begriff der Tradition.

Eine Tradition wird definiert, wenn ein Ritual oder Ablauf über mehrere Generationen nahezu in unverändertem Zustand weitergegeben wurde. Das heißt also, wenn eine Schule mindestens seit 2 oder 3 Generation existiert, gilt sie bereits als traditionell, oder etwa nicht? So einfach ist das leider nicht.

Unsere Tradition

Der Begriff wird in der Kampfkunst Branche mit unterschiedlichen Absichten und Hintergründen verwendet. Es gibt Schulen, wie unsere, die seit über 3 Generationen eine Schule betreiben aber bereits in 5. Generation den Hung Kuen Stil fortführen. Wir definieren unsere Tradition anhand von zwei wichtigen Kriterien. Für uns ist Kampfkunst eine Familientradition. Nicht nur mein Großvater Wu Shaoquan, Gründer von unserer Schule, sondern auch mein Urgroßvater hatte bereits Kampfkunst praktiziert. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes eine große Kampfkunstfamilie. Mein Ursgrossvater, beide meiner Großeltern, meine Mutter und ihre 3 Brüder; alle haben Kungfu trainiert. Aber nicht nur die Familientradition spielt eine wichtige Rolle, sondern wir führen auch den Hung Kuen Stil in fünfter Generation nach Wong Fei Hung fort. Das bedeutet, dass wir eine direkte Linie vom Schüler-Meister Verhältnis bis zu Wong Fei Hung zurückführen können. Das ist bspw. unser Weg die Geschichte und Tradition unserer Schule festzuhalten. 

Wie definieren sich nun andere traditionelle Schulen im Vergleich zu uns?

Für die einen ist es das Graduierungsystem, für die anderen eben nicht. Die einen sagen es sind die Turniererfolge, die anderen sagen genau das Gegenteil. Wieder andere sagen es kommt auf bestimmte Techniken an und wieder andere sagen es sind die Rituale und Beziehungen die man zu seinem Meister hat. Der Begriff wird also mit deutlich unterschiedlichen Intentionen und Interpretationen eingesetzt. 

Die Gürtelprüfungen

Schauen wir zuerst das Graduierungssystem durch bspw Gürtelprüfungen an. Ich möchte niemanden auf die Füße treten oder angreifen, aber Gürtelprüfungen sagen nichts über eine „traditionelle“ Kampfkunstschule aus. Es sagt nur, dass sie ein sehr lukratives Geschäftsmodell nutzen. Wer denkt, dass im alten China, oder allein vor der Kulturrevolution, chinesische Schüler genug Geld hatten um alle paar Monate eine Prüfung zu bezahlen, der oder die sollte nochmal eine Geschichtsstunde besuchen. Die einzige Währung die Schüler in diesen Zeiten hatten, war Motivation und Durchhaltevermögen. Davon genug und dein Sifu hat dir vielleicht neues beigebracht.

Mein Großvater hatte auch keine Gürtelprüfungen und wir haben das bis heute nicht geändert. Davon abgesehen soll der Fokus und die Konzentration nicht auf das „aufsteigen“ in Rängen sein, sondern doch auf das Verbessern der eigenen Techniken liegen. Trotz dieser Sichtweise kann ich aber auch die (jedoch wenigen) positiven Aspekte von Prüfungen verstehen und nachvollziehen. Für uns ist aber aus den oben genannten Gründen unser Weg glasklar: keine Gürtelprüfungen.

Mit dem Trend gehen

Eine weitere Definition fällt fast unter das sog. Namedropping. Es werden allgemein bekannte Begriffe einfach in den Raum geworfen um sich selbst oder der eigenen Schule mehr Relevanz und Authentizität zu verleihen. Oftmals leider nur um sich einem größeren Hype anzuschließen ohne die nötige Substanz und Erfahrung zu haben. So ist es die letzten Jahrzehnte mit begriffen wie Shaolin, Wudang, Taichi und Qigong ergangen. Zu einfach und zu schnell wurden Schulen eröffnet die sich unter einen dieser Begriffe gelegt haben, obwohl die nötige Tiefe und Substanz gefehlt hat. Und all das nur um mit dem Trend mitlaufen zu können. Andere Branchen erleiden dasselbe Schicksal, wie z. B. Yoga und Pilates. Plötzlich wird die Branche mit zu vielen schlecht ausgebildeten oder selbsternannten Meistern geflutet, die sich eines Tages voller Langeweile dachten: „ach das klingt doch toll. Das würde ich gerne machen!“

Man hat eine sog. Ausbildung abgeschlossen oder ein Seminar besucht und schon lehrt man „traditionelles so und so“. Nun kann der Leser hoffentlich an dieser Stelle des Beitrags sich denken, ob eine bezahlte Ausbildung oder ein Seminar genügt, um die potenzielle Tiefe einer Kampfkunst zu verstehen und auch noch an Schüler weiterzugeben. Ich möchte nicht alle Schulen die bpsw. Shaolin, Wudang etc. unterrichten in die gleiche Schublade stecken. Natürlich gibt es auch Schulen, die tatsächlich viel Wissen und Potenzial haben, nur leider sind das die wenigsten.

Frei erfunden

Eine andere kreative, aber wesentlich unehrlichere Form des Namedroppings ist natürlich das herbeizaubern einer Tradition. Hierbei werden Meister-Schüler-Verhältnisse genannt, die es nie gegeben hat. Plötzlich soll man aus einer bestimmten Linie eines angesehenen Stils kommen, obwohl der eigene Meister nie mit dieser Linie in Verbindung kam. Man schmückt sich also mit sehr schönen fremden Federn.

Das findet man übrigens nicht nur im Bereich der Meister- und Grossmeisternamen, sondern auch in Traditionen, Zeremonien und Ritualen, welche eigentlich nur mit alten traditionellen Schulen assoziiert werden. Darunter fallen nämlich auch die alte Baai Si Schüleraufnahme (拜師), in der ein Schüler förmlich vom Sifu in die Familie aufgenommen wird und ab sofort wie seine Zweitfamilie ist. Diese Zeremonie ist eine der wichtigsten und bedeutsamsten Ereignisse eines Schülers und mit viel Bedeutung und Ehre verbunden. Trotzdem ist sie leider nicht vor dem verwässern beschützt. Heutzutage werden sogar Schüler durch eine solche Zeremonie aufgenommen, obwohl der Meister gar nicht mal aus einer traditionellen Schule kommt, sondern vielleicht nur aus einem Sportinternat.

Die Nostalgiker

Wiederum andere verstehen unter einer traditionellen Schule das, was seit Generation unverändert weitergegeben wurde. Das Argument ist also „so war es schon immer, deshalb machen wir das so“. Diese Sichtweise oder Einstellung ist nicht nur engstirnig, sondern auch unrealistisch. Da jede Person einen unterschiedlichen Körper und eine andere Grundlage hat, wird es zwingend zu leichten Variationen in der Ausführung und der Weitergabe der traditionellen Formen kommen. Deshalb war es üblich, dass jeder Meister einer Generation seine Erkenntnisse und Erfahrung für die nächste Generation aufbereitet hat, indem er leichte Anpassung eines Stils machte. Außerdem ist diese Sichtweise auch gefährlich für die eigenen Schüler, denn diese Engstirnigkeit auf „das alte originale“ schließt automatisch die Weiterentwicklung und Anpassung aus. Aber zu dem Thema der Weiterentwicklung in traditionellen Kampfkünsten schreibe ich lieber in einem separaten Artikel mehr.

Man merkt schnell, dass sich unterschiedliche Schulen aus unterschiedlichen Gründen an dem gleichen Begriff der Tradition bedienen. Wie bereits gesagt, möchte ich niemandem auf die Füße treten, sondern lediglich einen größeren Blickwinkel auf die Kampfkunstbranche werfen. Vielleicht weiß nun jemand für welche „traditionelle“ Schule er oder sie sich entscheidet, vielleicht hat jemand aber auch nur ein bisschen dazugelernt und ich konnte ein bisschen Klarheit schaffen. Oder wenigstens einen unaufmerksamen Schüler daran erinnern, wie wir unsere Schule definieren 🙂

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